Nov 272016
 

Facebook fickt Dein Leben

In den letzten Wochen wurden die Rufe lauter, Facebook möge doch endlich „reguliert“ oder „unter Aufsicht gestellt“ oder sonstwie beamtshandelt werden – vom Weißen Haus bis ins Berliner und ins Wiener Kanzleramt und zu den politischen KommentatorInnen allerorten. Mein unmittelbarer Anlass für diesen Artikel ist der Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid im Standard vom 25.11.2016.

Facebook wird neuerdings immer öfter beschuldigt, durch jene Algorithmen, die den jeweiligen Newsfeed der User zusammenstellen, Echokammern zu erzeugen, in denen jede/r nur noch das zu hören bekommt, was er/sie hören will. Dadurch würden Vorurteile zementiert, ein gesellschaftlicher Diskurs verunmöglicht und sogar Wahlergebnisse beeinflusst. Facebook solle daher verpflichtet werden, diese Algorithmen zumindest offenzulegen, so die häufigste Forderung.

Darüber hinaus wird Facebook vorgeworfen, nichts gegen Falschmeldungen im Netz zu unternehmen. Dabei kann es sich um echte „Fake News“ handeln, die von sinistren Think Tanks, Geheimdiensten oder auch nur übereifrigen Wahlkämpfern zu Propagandazwecken erstellt und in den politischen Diskurs eingeschleust werden. Auch diese Fake News landen dann in den jeweiligen Echokammern und befeuern dort die Vorurteile ihrer Insassen. Andere Arten von Fake News sind eher eine Frage des Standpunktes des Betrachters: Es gibt nun einmal viele Menschen, die zum Beispiel daran glauben, dass die außerirdischen Reptiloiden an einer „New World Order“ basteln und in Wirklichkeit schon die Macht übernommen haben. Von den Fake News der ersten Kategorie sind diese mitunter nur schwer zu unterscheiden.

Ein weiterer Themenkomplex der üblichen Kritik ist, dass Facebook nichts oder zu wenig gegen strafbare Handlungen im Netz unternimmt. Facebook, so die These, sei als Medium für die Inhalte, die seine User posten, zumindest mitverantwortlich. Die Sorgfaltspflicht gebiete es, strafrechtlich relevante Inhalte zumindest dann schnell zu entfernen, wenn man von Usern oder Strafverfolgungsbehörden darauf hingewiesen werde. Klingt auch logisch, oder?

Es gibt allerdings auch die gegenteilige Kritik, oft von denselben Personen vorgetragen: Facebook zensiere zu viel und zu willkürlich. Fotos nackter Brüste werden erbarmungslos gelöscht, sogar Abbildungen griechischer Statuen oder klassischer Gemälde, wenn auch nur ein Teil einer Brustwarze darauf zu erkennen ist.

Soweit ein kurzer Abriss der häufigsten Kritikpunkte, auf die ich nun eingehen möchte:

Facebooks Newsfeed-Algorithmus

Ob die Auswirkungen des Newsfeed-Algorithmus tatsächlich so groß sind, wie behauptet wird, bin ich mir nicht sicher. Es war auch schon in früheren Zeiten so, dass sich Menschen hauptsächlich mit Gleichgesinnten umgeben und diese sich gegenseitig in ihren Meinungen und Vorurteilen bestärkt haben. Auch in den 1960er Jahren gab es nicht sehr viele Stammtische, an denen Weltkriegsveteranen und Hippies zusammensaßen und respektvoll und auf Augenhöhe miteinander diskutierten. Und auch der Medienkonsum der Menschen orientierte sich immer schon an deren Wertvorstellungen. Diejenigen, die „Die Zeit“ und die „Bild am Sonntag“ gleichzeitig konsumieren sind entweder Newsjunkies oder professionell dazu verpflichtet. Was allerdings früher tatsächlich wichtiger war als heute, waren die Abendnachrichten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, die etwas Ausgewogenheit und Fakten zum Meinungsbild beisteuerten.

Unabhängig von diesen Überlegungen bin ich aber tatsächlich der Meinung, dass der Algorithmus ein Problem ist. Facebook entscheidet als de-facto-Monopolist darüber, welche Inhalte jemand zu sehen bekommt und welche nicht. In einer perfekten Welt würde Facebook  den Usern einen algorithmenfreien Newsfeed zur Verfügung zu stellen und ihnen die Werkzeuge in die Hand geben, sich ihren Newsfeed selbst zusammenzustellen: Von dieser Seite will ich alles sehen, von dieser Gruppe will ich nur das sehen, was meine Freunde kommentiert haben, von dieser Freundin will ich alles sehen, von jenem Freund nichts. Und ja, alle diese Einstellungen gibt es schon; aber trotzdem kann man den Algorithmus nicht einmal optional abschalten. Er ist immer da, und das wäre leicht zu ändern.

Die Forderung, den bestehenden Algorithmus offenzulegen, ist dagegen ziemlich blauäugig: Facebook wäre dann ein gefundenes Fressen für Spammer aller Art, die dieses Wissen ausnutzen würden, um ihre Inhalte möglichst prominent zu platzieren. Das passiert bereits (ähnlich wie bei Google), da ja Teile des Algorithmus bekannt sind. Aber eine komplette Offenlegung würde das Problem massiv verschlimmern. Nebenbemerkung: Im Unterschied zu Google ist der Algorithmus von Facebook kein wesentlicher Bestandteil der Dienstleistung. Google lebt davon, dass die Menschen jene Inhalte zuerst finden, die für sie am sinnvollsten sind. Google muss also die Informationsflut vorsortieren, sonst wäre deren Service für die User sinnlos. Facebook muss das nicht, aber es ist gut für’s Geschäft: Je länger sich die User auf Facebook aufhalten, desto mehr Werbung konsumieren sie. In dieser Sichtweise ist der Facebook-Algorithmus also notwendigerweise manipulativ. Aber es ginge bei Facebook prinzipiell auch ohne Algorithmus – bei Google nicht.

Die etwas abgeschwächtere Forderung lautet, Facebook möge den Algorithmus einer „trusted third party“, also etwa einem Team von WissenschafterInnen gegenüber offenlegen. Diese hätten dann die Möglichkeit, als eine Art wissenschaftliches Beratungsteam, Vorschläge zu erstatten, wie der Algorithmus „besser“ funktionieren könnte. Klarerweise müsste dieses Team unter strengster Verschwiegenheit arbeiten, weder deren Analysen noch deren Vorschläge könnten einer öffentlichen Diskussion unterzogen werden. Ich denke, dass sich Facebook dadurch nur einen Mantel von Legitimität umhängen würde, ohne, dass sich an den individuellen Rechten der User oder an den geschilderten gesellschaftlichen Problemen irgendetwas grundlegend ändern würde. Die einzige sinnvolle Möglichkeit besteht wohl darin, wie oben argumentiert, Druck auf Facebook auszuüben, damit sich die User ihre Newsfeeds selbst zusammenstellen können.

„Fake News“ auf Facebook

Wenn man Facebook dazu zwingen möchte, „Fake News“ aus dem Newsfeed zu eliminieren, begibt man sich auf sehr dünnes Eis – denn die Konsequenz daraus ist, dass es eine Institution geben muss, die die „Wahrheit“ als solche erkennt und die „Lüge“ eliminiert, also eine Art Orwell’sches Wahrheitsministerium, polemisch ausgedrückt. Die sich daraus ergebenden philosophischen und politischen Probleme sind selbsterklärend.

Ich denke, dass eine Abschaffung des Newsfeed-Algorithmus, wie oben geschildert, bereits einen Teil des Problems lösen würde. Was den Rest betrifft, so gibt es keine schnelle befriedigende Lösung dafür, denn: Wenn ein User etwas postet, dann wollen seine/ihre Freunde das prinzipiell auch sehen, sonst würde es ja nicht gepostet werden. Möglicherweise könnte man den Leuten bessere Werkzeuge in die Hand geben, um die Qualität eines Links zu beurteilen. Dann würde zum Beispiel bei einem Beitrag stehen: „20 User haben den Artikel als Fake News gekennzeichnet“. Aber auch solche Varianten haben den Nachteil, dass sie missbraucht werden könnten. Um das „wisdom of the crowd“ zur Beurteilung der Qualität und des Wahrheitsgehalts von Meldungen auszunutzen und entsprechend einsetzen zu können muss vermutlich noch viel experimentiert werden. Eines ist aber klar: Weder staatliche Stellen noch Facebook als de-facto-Monopolist können diese Aufgabe inhaltlich erfüllen. Wenn das jemand kann, dann nur die User selbst.

Zu wenig oder zu viel Zensur auf Facebook?

Die schwierigste Frage ist jene nach der Zensur auf Facebook: Nachdem Facebook unter hunderten nationalen Gerichtsbarkeiten agiert gibt es keine Möglichkeit, es allen recht zu machen, und das ist wohl gut so. Derzeit ist Facebook gezwungen zu lavieren: Prinzipiell agiert man unter US-amerikanischen Vorstellungen von Recht und Sittlichkeit, daher ist es aus Sicht von Facebook nur konsequent, nichts gegen Gewaltdarstellungen zu unternehmen, dafür aber nackte Brustwarzen zu zensurieren.

Daneben gibt es noch einen zweiten Bereich, um den sich Facebook mal mehr und mal weniger kümmert: Wenn User oder Seiten, die einer bestimmten nationalen Gesetzgebung unterliegen, etwas posten, das dieser Gesetzgebung zuwiderläuft, dann schreitet man auch öfter mal ein, zumindest, wenn die Zurufe laut und nachdrücklich genug sind. Der Klassiker in Österreich und Deutschland ist die nationalsozialistische Wiederbetätigung. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn ein österreichischer Nazi in Österreich etwas postet, das den Tatbestand der Wiederbetätigung erfüllt, dann ist er nach österreichischen Gesetzen fällig und Facebook muss den Inhalt löschen. Wenn aber ein US-Nazi in den USA etwas nationalsozialistisches postet, dann ist das nach den dortigen Gesetzen völlig legal – nach den hiesigen nicht – und kann trotzdem auch hier gelesen werden.

Die Millionenfrage lautet also: Soll Facebook Inhalte löschen, die in den Herkunftsländern legal sind? Oder sollen diese Inhalte nur in den Empfängerländern ausgeblendet werden? Oder soll Facebook einfach nichts tun?

Variante 1: Alles löschen, was irgendwo illegal ist

Wenn Facebook alle Inhalte löscht, die auch nur in einem einzigen Land illegal sind, dann bleibt als kleinster gemeinsamer Nenner nur noch all das über, was auf der ganzen Welt legal ist, vermutlich sind das hauptsächlich Katzenbilder. Aber auch abseits der Polemik ist diese Variante problematisch: Als de-facto-Monopolist mit einer besonderen Verantwortung kann Facebook hier nur herumlavieren, denn der US-Nazi kann sich jederzeit auf sein verfassungsmäßig verbrieftes Recht auf freie Meinungsäußerung stützen – genauso, wie sich die österreichische Staatsanwaltschaft auf das hiesige Verbotsgesetz beruft. Ich bin kein Jurist, aber dieser Konflikt scheint mir so nicht leicht lösbar.

Variante 2: Inhalte nur in den Empfängerländern ausblenden

Nationalsozialistische Wiederbetätigung wird in Deutschland nicht angezeigt, Beleidigung des Türkentums wird in der Türkei ausgeblendet und auf IP-Adressen in Saudi-Arabien werden unverhüllte Frauengesichter entfernt. Somit wäre jede nationale Gesetzgebung zufriedengestellt. Um das allerdings flächendeckend gewährleisten zu können, müssten mehrere milliarden Postings pro Tag auf ihre Vereinbarkeit mit weit über hundert nationalen Gesetzgebungen kontrolliert werden. Das klingt auch nicht wirklich nach einer sinnvollen Lösung. Dazu kommt, dass dann Diskussionen, zumindest auf den großen, internationalen Facebook-Seiten, ziemlich sinnlos wären: Jeder User bekäme je nach Standort nur einen Teil der Postings und Kommentare zu sehen. Es entstünden also nicht nur nationale Echokammern, diese hätten auch noch widersinnige Löcher, weil die Threads für niemanden komplett einsehbar wären.

Variante 3: Alles bleibt, wie es ist

Das ist in Wirklichkeit die wahrscheinlichste Variante: Facebook wird weiterhin auf der Grundlage der US-amerikanischen Gesetze und Moralvorstellungen agieren und sich nur dann intensiver um andere nationale Gesetzgebungen kümmern, wenn der Druck zu groß wird und/oder das Geschäftsmodell in Gefahr gerät. Befriedigend ist auch das nicht, aber aus Sicht von Facebook zumindest verständlich.

Variante 4: Die ideale Welt

In einer idealen globalisierten Welt würden internationale Medien auch international reguliert werden, am besten unter dem Dach der Vereinten Nationen. Es braucht – nicht nur für Facebook, aber auch – einen allgemein verbindlichen und akzeptierten Rahmen, in dem internationale Online-Medien und Plattformen agieren können. Dazu gehören auch demokratisch legitimierte Gremien, die die Rechte von Usern (einschließlich des Rechtes auf Meinungs- und Informationsfreiheit) ebenso wahren, wie die von GeschäftspartnerInnen der jeweiligen Plattformen. Es gäbe dann auch Beschwerde- und Berufungsinstanzen und verbindliche Mindeststandards, an die sich alle halten müssen: Die Betreiber der Medien und Plattformen, die Staaten, die Werbetreibenden und die User. Die entsprechende Konvention gilt für alle Staaten, die sich ihr anschließen, auf Nichtmitglieder muss niemand Rücksicht nehmen – das tun diese ja auch nicht.

Mir ist völlig klar, dass es sich dabei um eine allenfalls langfristige Vision handelt – aber sie ist auch nicht unrealistischer als der oft implizit geäußerte Wunsch, dass sich die ganze Welt an österreichische Gesetze halten solle.

Bildnachweis: Tanja Djordjevic: facebook, CC BY-NC-ND 2.0

Apr 112015
 

In den letzten Wochen ist die Diskussion über ausufernde staatliche Verbote und Einschränkungen der persönlichen und der Erwerbsfreiheit neu aufgeflammt. Robert Misik hat in seinem Videoblog vom 6. April 2015 die „Rhetorik von der Verbotsgesellschaft“ auf’s Korn genommen, aber auch einen „vernüftigen Kern“ in der Kritik am Nanny-Staat gefunden. Ich möchte nun an einem Beispiel illustrieren, warum wir wachsam sein sollten – und was die Alternativen sind.

Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Werbefotos

Frauenministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) hat vor wenigen Tagen eine alte Forderung wiederbelebt, wonach „mit Bildprogrammen bearbeitete Frauenkörper“ gekennzeichnet werden sollen, und zwar mittels Ampelsystem, je nach Grad der Bearbeitung. Ein Vorschlag, der natürlich auf den ersten Blick einleuchtet, denn wer will schon, dass die Mädchen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von der Modeindustrie ein völlig falsches Körperbild vermittelt bekommen und später womöglich unter Anorexie oder Bulimie leiden und sich weiterhin zu tausenden auf „PRO-ANA“-Seiten tummeln?

Photoshop before-afterAuf den zweiten Blick finde ich den Vorschlag gruselig: Es gibt viele Dinge, die tagtäglich medial auf uns einströmen, die – vorsichtig ausgedrückt – gesellschaftlich nicht nützlich sind, zumindest nicht nach sozialdemokratischen Standards: Werbung für rechtsradikale Ideologien und Pornographie sind die Klassiker, aber auch Seiten, die Verschwörungstheorien verbreiten, die Werbung für dubiose Sekten machen oder die schlicht zum Verzehr von Fast Food und überzuckerten Limonaden, zum Rauchen oder zum Alkoholkonsum auffordern. Die Drogen und die Anleitungen zum Bombenbasteln darf man auch nicht vergessen. Und die Urheberrechtsverletzungen, natürlich.

Das Böse ist immer und überall, aber wollen wir das wirklich alles verbieten? Und, wenn ja, wie soll das praktisch funktionieren? Zeitungen kann man ja zur Not noch beschlagnahmen lassen, aber was ist mit dem Internet? Konsequenterweise, wenn wir das Primat der heimischen Verbotspolitik ernst nehmen wollen, brauchen wir eine „Great Chinese Firewall“, die nur noch das „gute Internet“ nach Österreich lässt und alles böse vor den Grenzen bleibt. Und, um zu den Modelbildern zurückzukommen: Nachdem die meisten von denen ja aus internationalen Quellen nach Österreich gelangen brauchen wir dann auch eine Provenienzforschung und eine spezialisierte Kripo-Abteilung, die mit forensischen Methoden falsch deklarierte Bilder ausfindig macht. Jedes zusätzliche Verbot schafft auch zusätzliche Arbeit für die Polizei und damit – zumindest potenziell – auch mehr Polizisten.

Konsequent weitergedacht führt also jede Art von Inhaltskontrolle in den Medien zum Überwachungsstaat, denn ein Staat, der seine eigenen Regeln nicht ernst nimmt und nicht durchsetzt hat eigentlich schon ausgedient. Ich weiß schon, wir sind in Österreich, und hier wird nicht alles so heiß gegessen wie gekocht, aber schon alleine die Tendenz und die immer gleichen Diskussionen zu diesen Themen bereiten mir Sorgen.

Was ist aber die Alternative? Bildung, Bildung, Bildung. Der Vorschlag mit dem Ampelsystem hat immerhin den Vorteil, dass das Publikum, das mangels Lesekompetenz ohnehin nur mehr die Bilder in den Zeitungen betrachtet, nicht überfordert wird. Aber haben wir uns wirklich schon damit abgefunden in einem Staat zu leben, in dem locker 20 % funktionale Analphabeten leben? Menschen, die nicht einmal mehr die Inhalte der trotzdem eifrig konsumierten Boulevardmedien (4 Mio. Österreicher und Österreicherinnen „lesen“ täglich Kronen Zeitung, Heute, oder Österreich) verstehen? Ist es nicht hoch an der Zeit, das Bildungssystem grundlegend neu zu denken?

Wie wäre es zum Beispiel, ein Fach „Medienkunde“ an den Schulen einzuführen, in dem die jungen Leute lernen, sich mit ihrer medialen Umwelt auseinanderzusetzen, in dem sie lernen, hinter die Kulissen zu blicken, Informationen selbst zu recherchieren und kritisch an Quellen heranzugehen? In dem sie lernen, zu reflektieren und sich selbst auszudrücken. Und, in dem sie lernen, wie manipulativ Werbung sein kann, nicht nur in der Bildbearbeitung, aber auch. Das ist nur ein Vorschlag und sicher kein Allheilmittel, aber in diese Richtung sollte sich die Diskussion meiner Ansicht nach bewegen.

In einem Land mit hohen Bildungsstandards braucht man weniger Verbote, denn mündige Bürger und Bürgerinnen können selbst besser beurteilen, was gut für sie ist. Das ist die Gesellschaft, in der ich leben möchte.

Praktischerweise ist die Frauenministerin auch Bildungsministerin, sie müsste also nur die Diskussion von einer Sektion ihres Ministeriums in die andere verlagern. Ich bitte darum.

Bildnachweis: Sebastien Guy, „retouche-photo“ – Some Rights Reserved.

Okt 232014
 

Verleger: „Wir wollen Geld von Dir.“
Suchmaschinenbetreiber: „Wofür?“
Verleger: „Dafür, dass Du unsere Inhalte bewirbst.“
Suchmaschinenbetreiber: „Dann bewerbe ich Eure Inhalte eben nicht mehr.“
Verleger: „Nein, das darfst Du auch nicht. Du musst unsere Inhalte bewerben, und dafür musst Du uns bezahlen!“
Suchmaschinenbetreiber: surprise

Mai 212014
 

Vor wenigen Wochen verkündete Russland eine strengere Regulierung des Internets. Die Süddeutsche schrieb am 25.4.2014 unter dem Titel „Russland gängelt seine Blogger„:

Russland geht stärker gegen seine Blogger vor. Laut einer Verordnung des Parlaments in Moskau müssen sich „Internetnutzer, die man Blogger nennt“, so der Wortlaut, zukünftig mit Namen registrieren lassen, berichtet die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass. Blogs, die pro Tag von mehr als 3000 Menschen gelesen werden, müssen sich bei der Presseaufsicht registrieren. Das bedeutet: auch wer anonym oder mit Nickname schreibt, kann von den Behörden identifiziert werden.

N24 zitierte dazu in seinem Artikel „Blogger müssen sich registrieren“ den russischen Blogger Anton Nosik:

Kritiker bezeichneten das vom Föderationsrat verabschiedete Gesetz als Versuch von Präsident Wladimir Putin, die Kontrolle über das Internet auszubauen. Es solle die Informations- und Meinungsfreiheit einschränken, sagte der prominente Blogger Anton Nosik. „China ist sehr viel liberaler im Vergleich zu dem, was Russland erreichen will.“

Thomas Kralinger - Bild: KURIER/Marcel Gonzalez-Ortiz

Bild: KURIER/Marcel Gonzalez-Ortiz

Das Branchenblatt „Horizont“ zitiert am 20. Mai 2014 den Präsidenten des Verbandes der österreichischen Zeitungen, Thomas Kralinger, mit folgenden bemerkenswerten Äußerungen:

„Sinnvoll wäre es, jene kleine Minderheit von Medienplattformen fernzuhalten, die unter Berufung auf das Recht der Meinungsfreiheit andere Menschen in der Öffentlichkeit kränken, beleidigen, schmähen, manchmal sogar an den Rand der Existenz bringen und all dies unter dem Schutz der Anonymität.“

Das könne man nicht mit „vagen Selbstverpflichtungen, sondern ausschließlich durch eine konsequente Moderation der Foren verbunden mit einer gesetzlichen Lösung“ erreichen. Dem müssten sich aber alle Marktteilnehmer, nicht nur Medienunternehmen, unterwerfen. „Schließlich würden aufwendigere Zugangsbarrieren, die ein Verbot der anonymen Postings notwendig machen, die große Masse der Nutzer, die sich vernünftig und sachlich in Online-Foren austauscht, treffen“, resümierte Kralinger.

Das Geschwurbel des Herrn Kralinger ist nicht leicht zu decodieren, aber der Ruf nach einer „gesetzlichen Lösung“ macht doch hellhörig. Während Russland sich also auf eine Registrierungspflicht für Blogger mit mehr als 3.000 Lesern beschränkt, fordert Kralinger anscheinend eine solche für jeden, der in einem Online-Forum kommentieren will. Um den oben zitierten Anton Nosik zu paraphrasieren: „China ist sehr viel liberaler im Vergleich zu dem, was der VÖZ erreichen will.“

In meinem letzten Artikel zu den „Meinungsmutigen“ habe ich als (absurdes) Gedankenexperiment die Forenregistrierung via Bürgerkarte diskutiert. Kralinger setzt nun noch ein’s drauf und kann sich vorstellen, dass der ORF mit einer Registrierung über die GIS-Mitgliedsnummer voranschreitet. Dabei bedenkt er aber anscheinend nicht, dass die GIS-Nummer im Normalfall pro Haushalt, und nicht pro User vergeben wird. Wie darf man sich das vorstellen? Der „Haushaltsvorstand“ ist dann der verantwortliche User und kann mit seinem Account andere User anlegen – die Gattin, die Oma und die Kinder? Oder müssen alle unter derselben ID posten? Oder die GIS verlangt vor Ausstellung der IDs die namentliche Bekanntgabe aller Haushaltsmitglieder?

Ich will den VÖZ nicht noch auf gute Ideen bringen, aber welche Maßnahme zur Durchsetzung einer „Klarnamenpflicht“ in Online-Foren auch immer ventiliert wird: Sie ist entweder sinnlos oder sie ist ein Riesenschritt auf dem Weg in den Überwachungsstaat – oder beides. Um es auch inhaltlich klarzustellen: Die User sind im Netz nicht eindeutig identifizierbar, und das ist gut so. Wenn sie es doch wären, dann würde das eine massive Einschränkung der Meinungs- und Informationsfreiheit bedeuten, ein Projekt, an dem China, Russland, der Iran und andere Länder mit zweifelhafter demokratischer Reputation schon seit Jahren arbeiten. Herr Kralinger, wollen Sie wirklich in dieser Liga mitspielen?

Mai 162014
 

Als wir 1992 die Black•Box als erste Online-Community Österreichs (damals als „Mailbox“, heute vergleichbar mit einem „Social Network“) eröffneten, war es eines unserer wichtigsten Prinzipien, dass sich unsere User ausschliesslich unter ihren echten Namen registrieren und äußern durften. Wir nannten es das „Real-Name-Prinzip“.

Troll Avenue von zzathras777, Some Rights ReservedViele Jahre lang überprüften ehrenamtliche und zeitweise auch bezahlte Admins und Moderators jede einzelne Registrierung. Wir sahen im Telefonbuch nach, ob eine Person dieses Namens existierte, wir wählten die Nummer, sprachen mit dem neugewonnenen User oder überprüften den Account zumindest auf eine gewisse Plausibilität. Für den Zugang zur Erotik-Ecke „Intimzone“ verlangten wir sogar eine Ausweiskopie per Post oder Fax als Altersnachweis (E-Mail-Adressen gab es damals genausowenig wie Scanner, zumindest nicht in privaten Haushalten). Der Aufwand, den wir trieben, war gewaltig, und trotzdem gelang es findigen Usern immer wieder, uns an der Nase herumzuführen. Manche Fake-Accounts erlangten sogar einen gewissen Kult-Status unter unseren Nutzern, viele (männliche) User chatteten gerne mit der lasziven Tamara Hofmann, bis heute ist unbekannt, wer sich dahinter verbarg. Vermutlich war es ein Mann.

Wenn jetzt, 22 Jahre später, die Granden der alten Medien Rosam, Rainer und Fellner unter dem Label „die Meinungsmutigen“ ernsthaft fordern, dass man im Netz nur noch unter seinem richtigen Namen posten dürfe, dann kann ich das leider nur unter „Probleme von Neuland“ subsumieren. Unabhängig davon, ob so eine Strategie sinnvoll ist (was ich aus heutiger Sicht bezweifle) hat sich offensichtlich niemand überlegt, wie die Überprüfung der Identität der User tatsächlich funktionieren soll.

An den Problemen, die wir damals in der Black•Box hatten, hat sich bis heute nichts geändert – außer die Userzahlen. Wenn der Standard also gezwungen würde, die Identität seiner hunderttausenden registrierten User zu überprüfen, dann hätte er einen x-fach höheren Aufwand als wir jemals hatten. 10 bis 20 Registrierungen pro Tag können womöglich noch bewältigt werden. Aber 100 oder 500? Und mit welchem Effekt? Gar keinem. Jeder, der unter einem Phantasienamen posten will, würde das auch weiterhin können. Die Namen würden vielleicht ein wenig plausibler klingen – aber das wäre schon alles. Und wenn Herr Fellner in der Presse ankündigt, ab Juni auf oe24.at die „Klarnamen“-Policy einzuführen, dann wünsche ich ihm viel Spaß dabei. Die Trolle werden ihre Freude mit ihm haben.

Aber gibt es wirklich keine Möglichkeit? Natürlich gibt’s die, immerhin haben wir ja schon die Bürgerkarte, und mit der wäre es auch für private Anbieter (zumindest theoretisch) möglich, die Identität ihrer User festzustellen. Aber natürlich nur für die, die eine haben – und in Österreich leben. Die Medien wären also gezwungen, ihre Foren für „Ausländer“ und Menschen ohne Bürgerkarte zu sperren. Politisch würde das in einer Demokratie wohl niemand überleben. Nicht einmal in China… (o.k., lassen wir das).

Mir würden noch ein paar absurde Gedankenexperimente dazu einfallen, aber ich mach’s kurz: Herr Rosam, es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, die User der Online-Foren zur Verwendung ihres echten Namens zu zwingen. Punkt. Und wenn Sie es mir nicht glauben, dann fragen Sie bei Facebook nach, die versuchen das ebenfalls von Anfang an durchzuziehen, mit mäßigem Erfolg – ich selbst habe dort vier Accounts. :-) Der einzige Grund, warum die meisten User auf Facebook unter ihrem richtigen Namen auftreten ist einfach der, dass sie Facebook als ihr virtuelles Wohnzimmer betrachten und von ihren Freunden gefunden und erkannt werden wollen. Diese Motivation fällt bei den Forentrollen weg, das Gegenteil ist der Fall.

Also bitte, vergessen Sie den Blödsinn wieder.

Post Scriptum, bevor ich mißverstanden werde: Ich wollte mich hier nur auf die Machbarkeit konzentrieren. Zu anderen Aspekten des Vorschlags der „Meinungsmutigen“ empfehle ich zum Beispiel das großartige Posting von Ingrid Brodnig.