Jul 132010
 

Die Geschichte unseres „Gobi Treasure Hunt“ erschien in leicht gekürzter Fassung am 15.5.2010 in der „Spectrum“-Beilage der Tageszeitung „Die Presse“ sowie in deren online-Ausgabe unter dem Titel „Schädel auf Stativ“. Nachtrag zum Artikel: Das „Making-of“-Video des Gobi Treasure Hunt.

Am 1. August 2009 hoben wir in der Wüste Gobi einen Teil des Schatzes eines lokalen Heiligen und übertrugen das Ereignis live ins Internet. Es war eine Story, die um die Welt ging. Zeitungen von Japan bis Brasilien berichteten darüber und der hiesige Boulevard erklärte mich zum „Österreichischen Indiana Jones“. Die vordergründige Abenteuergeschichte war allerdings nicht das, was wir der Welt vermitteln wollten.

Irgendwann im Jahr 1856 stirbt Danzan Ravjaa im Alter von nur 53 Jahren an vergiftetem Wodka. Er war die fünfte Wiedergeburt aus der tibetisch-buddhistischen Reinkarnationslinie der „Noyon Khutugts“, der „Wilden Heiligen aus der Wüste Gobi“. Sein Ruhm überstrahlte alle seine Vorgänger: Er schrieb 600 Lieder und Gedichte sowie eine Oper, deren Aufführung in der Langfassung auf ein ganzes Monat ausgedehnt werden konnte. Er gründete das dazugehörige Opernhaus, eine fahrende Schauspielertruppe und eine Schauspielschule. Er war Maler und Gelehrter, Heiliger und Heiler; er gründete viele Klöster und ein Museum; und er war Politiker, um nicht zu sagen: Sozialrevolutionär. Er gründete die erste Schule, in der Kinder ohne Ansehen ihres Standes oder ihres Geschlechts gleichermassen und gemeinsam unterrichtet wurden. Er setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen und für die Rechte der Nomaden ein. Er prangerte die grassierende Korruption an, sowohl unter den Beamten der Manchu-Dynastie, die damals über dieses Gebiet herrschten, als auch unter den eigenen buddhistischen Würdenträgern im 400 Kilometer entfernten Khuree, dem heutigen Ulan Bator. Sein Tod kam daher nicht überraschend: Die Flasche mit dem vergifteten Wodka hatten ihm vermutlich Manchu-Würdenträger zukommen lassen.

Danzan Ravjaas Vertrauter war ein hochrangiger Lama (buddhistischer Lehrer) namens Balchinchoijcho. Er schwor einen Eid, das Erbe von Danzan Ravjaa zu beschützen und wurde dafür zum „Takhilch“ ernannt, zum Verwalter seines Erbes. Der Legende nach segnete Danzan Ravjaa seine Familie und erklärte, dass alle Nachfolger Balchinchoijchos aus dessen Nachkommenschaft stammen und an einem speziellen Muttermal am Rücken zu erkennen sein werden.

Balchinchoijcho vermutete, dass die Manchu nach Danzan Ravjaas Ende alles daran setzen würden, um die Erinnerung an den unbequemen Meister auszulöschen. Er verpackte daher seinen gesamten Nachlass – Statuen, Bücher, Ritualgegenstände, Opernkostüme, Gemälde, Originalmanuskripte, etc. – in 1500 Kisten und ließ diese in einem eigens errichteten Gebäude, dem „Weißen Tempel“ in Danzan Ravjaas Hauptsitz, dem Kloster Khamarin Khiid, aufstapeln. In die Mitte platzierte er die mumifizierte Leiche des Heiligen. Dann erklärte er den Weißen Tempel zum Grabmal, im Bewusstsein, dass selbst die Manchu niemals ein Grab schänden würden. Seine Rechnung ging auf, die Mumie und der in den Kisten verstaute Schatz blieben die nächsten 80 Jahre unversehrt.

Im Jahr 1937 war die mongolische Version der Kulturrevolution in vollem Gange. Mongolisches Militär zerstörte mit Unterstützung durch Stalins Rote Armee fast das gesamte buddhistische Erbe der Mongolei. Klöster wurden niedergebrannt, Buddha-Statuen eingeschmolzen, Mönche an die Wand gestellt oder zwangsverheiratet. Ein nie dagewesener Blutrausch hatte das Land erfasst. Der junge Lama Tuduv, Ururenkel von Balchinchoijcho und Träger des Takhilch-Muttermales hatte nun die Verantwortung für den Nachlass. Zunächst äscherte er die Mumie ein und hob die Asche in einer Urne auf. Danach zog er unter völliger Geheimhaltung jede Nacht hinaus in die Wüste, und vergrub jeweils eine der Kisten. Nach 64 Nächten und ebensovielen vergrabenen Kisten erreichte die Rote Armee Khamarin Khiid und brannte das Kloster mitsamt seinem wertvollen Inhalt nieder. Lama Tuduv begann nun ein unauffälliges Leben als Nomade und behielt sein Geheimnis die nächsten Jahrzehnte für sich. Er erzählte nicht einmal seiner Frau davon.

Tuduv hatte eine Tochter und einen Adoptivsohn, aber keinen Nachkommen mit dem auffälligen Muttermal. Erst 1960 ereilte ihn ein Anruf aus Ulan Bator: Seine Tochter hatte soeben ihr drittes Kind geboren, und dieses trug ein ähnliches Muttermal wie der Großvater. Tuduv wusste nun, dass die Linie der Takhilchs nicht unterbrochen werden würde und übernahm die Erziehung und Ausbildung seines Enkels Altangerel. Dieser musste – immer noch unter strengster Geheimhaltung – ein hartes Training über sich ergehen lassen. Der Großvater ließ ihn nicht nur den exakten Inhalt und das Versteck jeder einzelnen Kiste auswendig lernen, er musste auch jedes Detail aus Danzan Ravjaas Leben und Werk wissen und wurde so zum Bewahrer der materiellen und auch der spirituellen Schätze Danzan Ravjaas herangebildet.

Tuduv starb 1990 und im selben Jahr – nach dem Ende des Kommunismus in der Mongolei – eröffnete Altangerel das Danzan Ravjaa Museum in der Provinzhauptstadt Sainshand, 30 Kilometer von Khamarin Khiid entfernt. Der Inhalt des Museums bestand aus einem Teil jener Kisten, die Tuduv 53 Jahre zuvor unter Einsatz seines Lebens vergraben hatte. Nach und nach begann Altangerel weitere Kisten auszugraben, aber das kleine Museum und das dazugehörige Depot waren sehr unsicher und bereits prall gefüllt, daher erschien es ihm opportun, die übrigen – ca. 20 – Kisten im Sand liegenzulassen, bis sich die Verhältnisse bessern würden. Zusätzlich zu seinen Aufgaben als Museumsdirektor und Takhilch ist Altangerel heute auch Leiter des örtlichen Provinzmuseums und trägt einen großen Teil der Verantwortung für das Kloster Khamarin Khiid, das ebenfalls seit der Wende langsam wieder aufgebaut wird.

Der erste, der die Geschichte von Danzan Ravjaa und den Takhilchs einem breiteren Publikum im Westen näherbrachte, war der US-Journalist Michael Kohn in seinem 2006 erschienenen Buch „Lama of the Gobi“.

Dieses Buch fiel mir im Sommer 2008 in Ulan Bator in die Hände, ein paar Tage nachdem ich Khamarin Khiid und den benachbarten Kraftplatz „Shambhala“ zum ersten Mal besucht hatte. Die Geschichte des exzentrischen Heiligen sollte mich nicht mehr loslassen. Besonderen Eindruck hinterließ der Epilog des Buches, in dem Michael Kohn die Frage nach den verbliebenen Kisten aufwirft.

Im darauffolgenden Oktober erreichte mich ein Anruf aus Linz: Für das Projekt „80+1 – eine Weltreise“ im Rahmen von Linz 2009 suche man noch nach Ideen für eine interaktive Installation mit der Mongolei. Ich dachte an die Kisten und schlug halb im Scherz vor, man könnte diese doch ausgraben und dies als Event live via Satellit nach Linz übertragen. Mein zweiter Gedanke war dann: „Warum eigentlich nicht?“

Altangerels Handynummer war schnell ausfindig gemacht. Sergelen Bayasgalan, Student in Wien, und mit mir gemeinsam in der Österreichisch-Mongolischen Gesellschaft engagiert, übernahm die Kommunikation. Er stellte Altangerel das Projekt vor und erhielt ein lautes und deutliches „vielleicht“ als Antwort. Altangerel ist vorsichtig, das ist jene Eigenschaft, die ihm sein Großvater am Nachdrücklichsten vermittelt hat. Wer für einen Schatz verantwortlich ist, darf nicht unbedacht handeln.

Es folgten eine Reihe von E-Mails und Telefonaten, in denen es nicht nur darum ging, Altangerel von der Aktion zu überzeugen, sondern auch darum, die technischen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen. Immerhin bestand der Plan darin, vom Ende der Welt mit einem Kamerateam und einer mobilen Satellitenanlage eine Liveübertragung zustande zu bringen, und das ohne nennenswerte finanzielle Ressourcen.

Im April flogen Sergelen (das Mongolische kennt keine Trennung in Vor- und Nachnamen in unserem Sinne) und ich für eine Woche in die Mongolei, um endgültig abzuklären, ob das Projekt eine Chance auf Verwirklichung habe. Altangerel sagte schließlich zu und bestätigte uns den geplanten Termin, außerdem wurden wir mit dem Geschäftsführer der privaten mongolischen Fernsehstation TV-9 handelseins, der sich bereit erklärte, das erforderliche Equipment und ein fünfköpfiges Team zu einem sensationell günstigen Preis zur Verfügung zu stellen.

Nach unserer Rückkehr folgten die Mühen der Ebene. Das Team war schnell komplett und bestand nun, abgesehen von Sergelen und mir, aus meiner – privaten und beruflichen – Partnerin Marion Breitschopf, die sich gemeinsam mit dem Regisseur und Drehbuchautor Guntmar Lasnig um die Videoproduktion kümmerte, weiters aus Peter Adametz, ebenfalls Partner bei MediaClan, der die Website gestaltete und aus dem ehemaligen ORF-Moderator Thomas Nemeth, der mit seiner neugegründeten Firma „Global Communications“ das Internet-Streaming besorgte. Sergelen war weiterhin die Kommunikationsdrehscheibe mit der Mongolei, meine Aufgabe war es, das Projekt zu koordinieren und finanziell einigermassen abzusichern.

Letzteres war nicht leicht, denn zunächst mussten wir möglichen Sponsoren erst einmal erklären, worum es uns eigentlich ging. Was sollte das alles? War es Kunst, was wir da vorhatten? Oder eher doch Volksbildung? Buddhistische Missionierung? Oder einfach nur Werbung für die beteiligten Firmen und Einzelpersonen? Befriedigung unserer Abenteuerlust?

Um es klar zu machen, trafen wir gemeinsam die Entscheidung, dass sämtliche Spenden, die über das Internet und bei den Public Viewings in Wien, Linz und Arlington (Virginia) hereinkommen würden, ohne Abzug an Altangerel übergeben werden, um damit den Ausbau des Danzan Ravjaa Museums in Sainshand und den Wiederaufbau des Klosters Khamrin Khiid zu fördern; Denn unser wichtigstes Anliegen war und ist die Erhaltung des buddhistischen Erbes der Mongolei, und der Schatz von Danzan Ravjaa ist ein wesentlicher Teil davon.

Da die Mehrheit unseres Teams dem Buddhismus zumindest nahesteht, war es unser ureigenstes Anliegen, Danzan Ravjaa und sein Werk über die Mongolei hinaus bekannt zu machen, denn er repräsentiert einen durchaus zeitgemässen Typus eines buddhistischen Heiligen und hat nichts mit dem Klischee vom ewig lächelnden Mönchlein gemein: Er war kraftvoll und engagiert, sozial, politisch, streitbar und spirtuell zugleich. Die verborgenen Schatzkisten erschienen uns als gutes medientaugliches Vehikel.

Der Rest der Geschichte verlief so glatt, wie wir es nicht einmal erträumt hatten. Immerhin standen die Wetten, daß das Projekt schiefgeht, ziemlich hoch. Ich war bereits vorausgeflogen, um noch Vorbereitungen zu treffen. Marion, Guntmar und Sergelen trafen zehn Tage vor der Übertragung in Ulan Bator ein. Eine Woche vor dem Tag X fuhren wir nach Sainshand, um das Set zu besichtigen, um kleine Videos als Pausenfüller für den Live-Stream vorzuproduzieren, und um die lokalen Vorbereitungen zu koordinieren. Am Vorabend der Übertragung kam das Team des mongolischen TV-9 in Sainshand an. Am Morgen des 1. August brachen wir dann im Konvoi zur Fundstelle auf, für 30 Kilometer über Sandpisten und Dünen benötigten wir zwei Stunden. Insgesamt waren nun 17 Leute und drei Kamele am Set. Als die Satellitenanlage und die Dieselaggregate tatsächlich funktionierten, fiel schon ein Teil der Spannung von uns ab. Die Übertragung und die Grabung begannen dann pünktlich um 18 Uhr und nach knapp 45 Minuten stießen wir tatsächlich auf jene beiden Kisten, auf deren Bergung wir über ein halbes Jahr hingearbeitet hatten. Altangerel erklärte vor laufender Kamera jedes einzelne der Fundstücke, darunter einige außergewöhnliche Statuen, seltene Bücher, Gemälde und seltsame Ritualgegenstände, wie z.B. eine Schale aus einem menschlichen Schädel auf einem dreibeinigen Stativ. Nach zwei Stunden Übertragung, mehr als 100.000 Zuseher verfolgten das Live-Streaming, hatten wir unser Ziel erreicht.

Epilog: Michael Kohn, der Autor des Buches über Danzan Ravjaa, lebt heute mit seiner Familie als Korrespondent der BBC und der Nachrichtenagentur afp in Ulan Bator. Seine afp-Meldung über die Schatzsuche wurde weltweit verbreitet und noch am Set gab ich bereits die ersten beiden Interviews für BBC und BBC World Service, die uns Michael vermittelt hatte. Damit war eine Lawine losgetreten: yahoo.com und bbc.co.uk berichteten auf ihren Homepages, Tageszeitungen auf der ganzen Welt übernahmen die Geschichte, die größte Zeitung der Mongolei brachte sie am Titelblatt. In Österreich berichteten die U-Bahn-Zeitung „Heute“ und die „Krone“ in jeweils zwei großen Artikeln, weiters die Online-Presse, Radio Wien, Wien Heute, und einige andere mehr. In fast allen Berichten überlagerte aber der „Indiana Jones-Aspekt“ unsere tatsächliches Anliegen. Wir danken der „Presse“ für die Möglichkeit, an dieser Stelle unsere Version der Geschichte erzählen zu dürfen.
Mehr über den Gobi Treasure Hunt finden Sie unter www.gobi-treasure.com, dort besteht auch immer noch die Möglichkeit, für den Erhalt des buddhistischen Erbes der Mongolei zu spenden. Weitere Dokumente zum Event finden Sie unter dem Suchbegriff „Gobi Treasure Hunt“ in Facebook, Flickr und YouTube.

Literatur:
„Lama of the Gobi“ von Michael Kohn (überarbeitete und erweiterte Neuauflage bei Blacksmith Books, Hong Kong, 2009), ISBN 978-988-17742-6-2

Michael Eisenriegler, 45, ist Geschäftsführer der Online-Firma MediaClan und Vorstandsmitglied der Österreichisch-Mongolischen Gesellschaft „OTSCHIR“.

  One Response to “Der Heilige aus der Wüste Gobi: Die Geschichte einer Schatzsuche”

Comments (1)
  1. So eine nette Geschichte! Super, wie ihr das gemacht habt.

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