Mai 222014
 


Das “Europa der Völker” ist eine Fiktion und ein Propagandabegriff. Das “Volk Europas” wäre schon treffender, wie meine eigene Familiengeschichte zeigt.

Von (neu)rechten Gruppierungen wird gerne das angebliche “Europa der Völker” als Vorwand dafür genommen, dass europäische Einheit und Einigung unmöglich, in irgendeiner Form “falsch” und daher abzulehnen sind. Von der Gefahr der Durchmischung der Kulturen ist gerne die Rede und von der Aufrechterhaltung der eigenen kulturellen Identität. Auf der Website der “Identitären Bewegung Österreich” liest sich das zum Beispiel so:

Identitär zu sein heißt für uns, mit vollem Einsatz für den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität einzutreten. Unsere Identität ist für uns das Zusammenspiel aus unserer tradierten Kultur, unserem Bewusstsein, eine homogene, verwandte Gemeinschaft zu sein sowie der gemeinsamen Erinnerung an ihren Weg durch die Zeit.

(…)

Aus diesem Bewusstsein folgt die Erkenntnis um die Vielfalt der Identitäten, die Welt der tausend Völker und Kulturen, die je ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Schicksal und ihre eigene Sprachwelt haben.

Die Fiktion besteht also anscheinend darin, dass Europa aus lauter einzelnen Völkern besteht, die eigentlich nicht viel miteinander zu tun haben und im besten Fall friedlich miteinander koexistieren und vielleicht noch ein bisschen Tourismus und Handel treiben. Dieses “Europa der Völker” sei nun durch den europäischen Einigungsprozess gefährdet und alle möglichen unangenehmen Entwicklungen (die ich jetzt nicht einzeln aufzählen möchte) seien die Folge.

Einer der Stehsätze der Familienforschung besteht darin, dass, wenn man nur weit genug zurückgeht, ohnehin jeder mit jedem verwandt ist – spätestens bei Adam und Eva. Das ist allerdings auch nicht besonders hilfreich.

Ich habe mir daher meine eigene Familiengeschichte näher angesehen um herauszufinden, zu welchem “Volk” ich eigentlich gehöre. Und ich musste nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen um zu erkennen, dass genau dieses “Volk” eine reine Fiktion darstellt. Kulturelle Identitäten wechseln oft schon innerhalb einer Generation und die Herkunft der Großmutter ist in den Köpfen der Enkerln nur noch eine Familienlegende, nicht mehr.

Die Wanderungen meiner Vorfahren (click for Google Maps)

Die Wanderungen meiner Vorfahren (click for Google Maps)

Ich gehe also nur vier Generationen zurück, zu meiner Ururgroßmutter. Sie stammte aus dem Aargau in der Schweiz, heiratete in Hohendorf-Neugattersleben (Sachsen-Anhalt) einen aus Böhmen stammenden Lokomotivführer und brachte dort auch meine Urgroßmutter zur Welt.

Diese Urgroßmutter heiratete in Brod (Kroatien) einen aus Brumov in Mähren gebürtigen Postbeamten, meinen Urgroßvater. Seine Eltern stammten aus Klosterneuburg (Niederösterreich) und aus Hohenmauth in Böhmen und lebten in Brünn (Mähren). Mein Urgroßvater war an unterschiedlichen Orten am Balkan stationiert, seine beiden Söhne kamen in Tuzla (Kroatien) zur Welt, seine Tochter (meine Großmutter) in Sarajevo (Bosnien).

Diese Großmutter ging nach dem Ende der Monarchie mit ihren Eltern nach Wien und heiratete dort einen aus Dölsach in Osttirol gebürtigen Polizeibeamten, meinen Großvater.

Mein Vater kam in Wien zur Welt und war folgerichtig – ein echter Wiener.

Die mütterliche Seite meiner Familie stellt sich ähnlich dar. Ein Ururgroßvater wanderte aus Gajary, einem ungarischsprachigen Dorf in der Slowakei (damals zu Ungarn gehörend), nach Wien aus. Die anderen Vorfahren aus seiner Generation waren zwar alle schon in Wien geboren, aber deren Eltern kamen ebenfalls aus vielen Teilen der Monarchie: aus kleinen Dörfern in Böhmen, aus Schlesien, aus Mährisch-Schlesien, aus Mähren, aus dem Weinviertel und aus dem Mühlviertel.

Meine Mutter ist also ebenfalls eine echte Wienerin – wäre sie nicht aus einem historischen Zufall in Steyr in Oberösterreich auf die Welt gekommen.

Kurz zusammengefasst: Meine “Volkszugehörigkeit” (nach heutigen Staaten) erstreckt sich von der Schweiz über Deutschland, Polen, Tschechien und die ethnischen Ungarn der Slowakei, bis nach Bosnien und Kroatien und endet in Tirol, Oberösterreich, Niederösterreich – und Wien.

Was war nochmal das “Europa der Völker”?

Mai 212014
 


Vor wenigen Wochen verkündete Russland eine strengere Regulierung des Internets. Die Süddeutsche schrieb am 25.4.2014 unter dem Titel “Russland gängelt seine Blogger“:

Russland geht stärker gegen seine Blogger vor. Laut einer Verordnung des Parlaments in Moskau müssen sich “Internetnutzer, die man Blogger nennt”, so der Wortlaut, zukünftig mit Namen registrieren lassen, berichtet die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass. Blogs, die pro Tag von mehr als 3000 Menschen gelesen werden, müssen sich bei der Presseaufsicht registrieren. Das bedeutet: auch wer anonym oder mit Nickname schreibt, kann von den Behörden identifiziert werden.

N24 zitierte dazu in seinem Artikel “Blogger müssen sich registrieren” den russischen Blogger Anton Nosik:

Kritiker bezeichneten das vom Föderationsrat verabschiedete Gesetz als Versuch von Präsident Wladimir Putin, die Kontrolle über das Internet auszubauen. Es solle die Informations- und Meinungsfreiheit einschränken, sagte der prominente Blogger Anton Nosik. “China ist sehr viel liberaler im Vergleich zu dem, was Russland erreichen will.”

Thomas Kralinger - Bild: KURIER/Marcel Gonzalez-Ortiz

Bild: KURIER/Marcel Gonzalez-Ortiz

Das Branchenblatt “Horizont” zitiert am 20. Mai 2014 den Präsidenten des Verbandes der österreichischen Zeitungen, Thomas Kralinger, mit folgenden bemerkenswerten Äußerungen:

„Sinnvoll wäre es, jene kleine Minderheit von Medienplattformen fernzuhalten, die unter Berufung auf das Recht der Meinungsfreiheit andere Menschen in der Öffentlichkeit kränken, beleidigen, schmähen, manchmal sogar an den Rand der Existenz bringen und all dies unter dem Schutz der Anonymität.“

Das könne man nicht mit „vagen Selbstverpflichtungen, sondern ausschließlich durch eine konsequente Moderation der Foren verbunden mit einer gesetzlichen Lösung“ erreichen. Dem müssten sich aber alle Marktteilnehmer, nicht nur Medienunternehmen, unterwerfen. „Schließlich würden aufwendigere Zugangsbarrieren, die ein Verbot der anonymen Postings notwendig machen, die große Masse der Nutzer, die sich vernünftig und sachlich in Online-Foren austauscht, treffen“, resümierte Kralinger.

Das Geschwurbel des Herrn Kralinger ist nicht leicht zu decodieren, aber der Ruf nach einer “gesetzlichen Lösung” macht doch hellhörig. Während Russland sich also auf eine Registrierungspflicht für Blogger mit mehr als 3.000 Lesern beschränkt, fordert Kralinger anscheinend eine solche für jeden, der in einem Online-Forum kommentieren will. Um den oben zitierten Anton Nosik zu paraphrasieren: “China ist sehr viel liberaler im Vergleich zu dem, was der VÖZ erreichen will.”

In meinem letzten Artikel zu den “Meinungsmutigen” habe ich als (absurdes) Gedankenexperiment die Forenregistrierung via Bürgerkarte diskutiert. Kralinger setzt nun noch ein’s drauf und kann sich vorstellen, dass der ORF mit einer Registrierung über die GIS-Mitgliedsnummer voranschreitet. Dabei bedenkt er aber anscheinend nicht, dass die GIS-Nummer im Normalfall pro Haushalt, und nicht pro User vergeben wird. Wie darf man sich das vorstellen? Der “Haushaltsvorstand” ist dann der verantwortliche User und kann mit seinem Account andere User anlegen – die Gattin, die Oma und die Kinder? Oder müssen alle unter derselben ID posten? Oder die GIS verlangt vor Ausstellung der IDs die namentliche Bekanntgabe aller Haushaltsmitglieder?

Ich will den VÖZ nicht noch auf gute Ideen bringen, aber welche Maßnahme zur Durchsetzung einer “Klarnamenpflicht” in Online-Foren auch immer ventiliert wird: Sie ist entweder sinnlos oder sie ist ein Riesenschritt auf dem Weg in den Überwachungsstaat – oder beides. Um es auch inhaltlich klarzustellen: Die User sind im Netz nicht eindeutig identifizierbar, und das ist gut so. Wenn sie es doch wären, dann würde das eine massive Einschränkung der Meinungs- und Informationsfreiheit bedeuten, ein Projekt, an dem China, Russland, der Iran und andere Länder mit zweifelhafter demokratischer Reputation schon seit Jahren arbeiten. Herr Kralinger, wollen Sie wirklich in dieser Liga mitspielen?

Mai 162014
 
Die Meinungsmutigen: Herr Rosam, vergessen Sie den Blödsinn!

Als wir 1992 die Black•Box als erste Online-Community Österreichs (damals als “Mailbox”, heute vergleichbar mit einem “Social Network”) eröffneten, war es eines unserer wichtigsten Prinzipien, dass sich unsere User ausschliesslich unter ihren echten Namen registrieren und äußern durften. Wir nannten es das “Real-Name-Prinzip”. Viele Jahre lang überprüften ehrenamtliche und zeitweise auch bezahlte Admins und Moderators jede einzelne Registrierung. Wir sahen im Telefonbuch [...]

Feb 162014
 
Die Koczian-Familiengeschichte

Dieses Blog unterbricht seinen Tiefschlaf für eine kurze Durchsage: Ich beschäftige mich ja seit einigen Jahren mit Familienforschung und das Thema hat mich mittlerweile so in Beschlag genommen, dass ich kürzlich mit Freunden und Partnern die GenSoup GmbH aus der Taufe gehoben habe. Bei GenSoup arbeiten wir an der Erstellung einer neuartigen Plattform für Online-Genealogie [...]

Jun 162013
 
6. Juli: Mongolisches Naadam-Volksfest in Baden bei Wien

Etwas Werbung in eigener Sache von anderer Baustelle: Die Österreichisch-Mongolische Gesellschaft “OTSCHIR” (die offizielle Freundschaftsgesellschaft) veranstaltet am 6. Juli 2013 (ab 11 Uhr vormittags) erstmals das traditionelle mongolische Naadam-Fest in Österreich und zwar auf der Trabrennbahn in Baden bei Wien. Naadam ist in der Mongolei der Höhepunkt des Jahres und wird immer an drei Tagen [...]