Am 17. Juni 2019 lud die ÖVP um 8.31 Uhr kurzfristig für 10.30 Uhr zu einer Pressekonferenz mit Bundesparteiobmann Sebastian Kurz und Generalsekretär Karl Nehammer:
Im Rahmen dieser Pressekonferenz wurde veröffentlicht, dass „ein Medium“ (heute weiß man, es war die „EU-Infothek“) die ÖVP vor wenigen Tagen informiert habe, dass es im Besitz eines Konvoluts von E-Mails zwischen Sebastian Kurz und Gernot Blümel vom Februar 2018 sei. Diese E-Mails würden irgendeine Art von Involvierung der ÖVP in den Ibiza-Skandal nahelegen – wenn sie echt wären.
Die ÖVP ließ daraufhin – anscheinend auf Basis abfotografierter Computerbildschirme – die Beratungsfirma Deloitte ein Gutachten erstellen, um zu beweisen, dass die E-Mails gefälscht seien.
Generalsekretär Nehammer fasste in der Pressekonferenz das Gutachten und eigene Recherchen der ÖVP zu einigen zentralen „Nachweisen“ zusammen, die beweisen sollen, dass diese E-Mails gefälscht sind. Im Netz – insbesondere auf Twitter – entstand daraufhin eine rege Debatte über die Validität dieser Beweise, die ich nun kurz darstellen möchte:
Das untersuchte Mail wurde am Montag, den 27. Februar 2018 versendet. Der Tag war aber tatsächlich ein Dienstag.
Twitter-User @e_radler hat dafür eine einfache Erklärung:
das Mo Di Problem kann entstehen wenn der Wochentag numerisch gespeichert ist und die Woche für die Rechner mal mit Sonntag, mal mit Montag beginnt.— E. ???? Radler (@e_radler) 18. Juni 2019
Von der Mail-Adresse (sebastian.kurz@wien.oevp.at) kann seit 10 Jahren kein Mail versandt werden.
Das Argument ist in keinster Weise stichhaltig. Jeder kann jede beliebige E-Mail-Adresse als Absenderadresse verwenden. So funktioniert das Internet.
Weiters führte Nehammer diese Behauptung als „Nachweis 5“ auch als Beleg dafür an, dass mit dieser Adresse keine Konversation stattgefunden haben könne. Als Empfangsadresse funktioniert sie nämlich schon, sagt auch Nehammer.
Als Zeitzone wurde im Mail die „Pacific Standard Time“ angegeben.
Das könnte ein klassischer Konfigurationsfehler am Rechner sein, kann jederzeit vorkommen.
Die IP-Adresse 92.51.182.1 gehöre nicht der ÖVP
Twitter-Kollege @Karli wies mich in einem privaten Chat darauf hin, dass der Provider, dem diese Adresse gehört (Host Europe), sehr wohl eine Geschäftsbeziehung mit der ÖVP habe. Die Website neuevolkspartei.wien liege beim selben Provider, sogar am selben IP-Adress-Block (92.51.182.37).
Daraufhin wurden wir vom ÖVP-Mitarbeiter @rupertreif darauf hingewiesen, dass neuevolkspartei.wien erst seit 2019 existiert. Allerdings haben wir in der Zwischenzeit festgestellt, dass einige andere Domains und Web Sites der ÖVP bei Host Europe liegen, zum Beispiel ist sebastiankurz.at dort seit 2017 registriert, wie eine WHOIS-Abfrage von soeben zeigt:

„Im Code“ erscheine das Datum 23.12.1830
Was Karl Nehammer meint, ist der sogenannte Thread-Index-Header. Dieser wird von manchen Systemen falsch interpretiert, was oft zu Datumsangeben um 1830 führt. Das Problem ist zum Beispiel hier dokumentiert.
Twitter-User @gregoa hat das auch im Selbstversuch dargestellt:
ich hab jetzt den von deloitte zitierten algorithmus von https://t.co/KLA7u2gMWg auf alle 273 mails in meiner exchange-inbox losgelassen. ergebnis: 66 davon stammen angeblich aus den 1830er-jahren. /cc @msulzbacher #kurzpk #kurzmails— gregor herrmann (@gregoa_) 17. Juni 2019
Fazit:
Alle fünf (bzw. eigentlich sechs) „Nachweise“, die Karl Nehammer auf der Pressekonferenz als solche benannte, sind keine. In Wirklichkeit sind es nicht einmal Indizien für eine Fälschung. Das bedeutet nicht, dass diese Mails gefälscht wären. Darüber lässt sich auf Basis der bisher freigegebenen Informationen keine seriöse Aussage treffen.
Disclaimer:
Das bessere Argument ist der Feind des schlechteren. Ich bin für weiterführende Hinweise und Gegenargumente hier im Kommentarbereich dankbar. Sollte auf Basis von Korrekturen oder neueren Erkenntnissen grundlegende Änderungen am obigen Text notwendig werden, so werde ich diesen gerne aktualisieren.


