Karl Koczián (von Blasócz)

 
Vorgeschichte

Johann der Jüngere Christian Christof Koczian (ca. 1667-20.10.1749) war Gemeinderat in Hohenmauth und begründete mit seinen beiden Ehefrauen seine eigene Linie in der Familie Koczian, die bis heute in vielen Verzweigungen besteht. Seine Nachfahren nahmen ihre Zugehörigkeit zur Aristokratie sehr ernst, wie wir noch sehen werden … :-) In erster Ehe war er mit Dorothea Mencl oder Menzel verheiratet. Sie heirateten am 13.2.1689 und hatten drei Töchter und drei Söhne, der älteste Sohn war angeblich Anton Veit. Am 29. Mai 1701 heiratete Johann Anna Katharina Rosina Flašar (ca. 1677-17.9.1749), mit ihr hatte er noch weitere sechs Kinder, der älteste Sohn aus dieser Ehe war Philipp Jakob. Johann starb nur ein Monat nach seiner zweiten Frau, über die Todesursache ist nichts bekannt.

Detail am Rande: Anton Veit ist als einziges der Kinder von Johann dem Jüngeren nicht in den Hohenmauther Kirchenbüchern auffindbar und auch nicht durch andere mir bekannten Dokumente als dessen Sohn belegt. Es wäre durchaus möglich, dass seine Abstammung konstruiert wurde, um die Zugehörigkeit dieses oder eines anderen Familienzweiges zum Adel zu beweisen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Hinweise, dass er und seine Nachfahren ihre Abstammung von der Hohenmauther Familie Koczian herleiteten, die Verwandtschaft ist also durchaus wahrscheinlich, aber nicht bewiesen.

Anton Veit Koczian war Gräflich Harrach’scher Burggraf zu Wlkawa (Vlkawa) bei Lautschin (Loučeň). Er heiratete Elisabeth Dobržensky und hatte mit ihr drei Söhne, darunter Josef Wenzel und Anton Bartholomäus.

Schloss Wlkawa (2014)

Schloss Wlkawa (2014)

Josef Wenzel Koczian wurde am 17.3.1730 in Wlkawa geboren. Er war Revierförster oder -jäger in Wschechlap (Všechlapy) und ehelichte eine Magdalene Dörry.

Deren Sohn Johann Koczian (30.12.1775-1843) wurde in Wschechlap geboren, war Oberförster und Revierjäger in Studenetz (Studenec), heiratete Rosina Kinzel und starb in Starkenbach (Jilemnice).

Deren Sohn Ignaz Koczian (22.11.1810-16.6.1860) wurde in Studenetz geboren und war k. k. Bezirksgerichtsadjunkt in Melnik (Mělník). Er heiratete Johanna Kiesling (1817-30.1.1891). Ignaz starb in Melnik, Johanna starb in Prag. Aus der Ehe der beiden stammt Karl Koczian.

Karl Koczians Aufstieg und Fall

Karl Koczian wurde am 14.12.1841 in Forst (Foršt), einer Katastralgemeinde von Hohenelbe (Vrchlabí) geboren. Er war von Beruf Hausbesitzer und Kaufmann in Prag und Wien und heiratete Anna Lederer. Die beiden hatten zumindest vier Kinder:

Anna Koczian, geboren am 26.1.1872, heiratete am 29. März 1890 Emil Ritter von Maschka, ließ sich vor 1894 scheiden und ehelichte am 25.2.1897 Rudolf Ritter von Herzfeld. Ihre Kinder waren Grete und Egon von Herzfeld und Alexander Ritter von Maschka. Sie starb nach 1907.
Sofie Koczian, heiratete Max Mayer, einen k. u. k. Oberleutnant im Korps-Art.-Reg. Nr. 8.
Karl Otto Koczian, geboren ca. 1875. Er war Bankbeamter und starb 1896 an Herzlähmung.
Valerie Koczian, starb am 8.1.1883 im 10. Lebensjahr.

Karl Koczian verspürte offenbar ein Bedürfnis nach gesellschaftlichem Aufstieg. Er beauftragte in den späten 80er oder frühen 90er Jahren des 19. Jahrhunderts den „Genealogen“ Alois Müller von Mildenberg, ihm und seiner Familie eine „Renobilitierung“ aufgrund eines behaupteten alten Adels zu organisieren. Den Vorgang kann man sich ungefähr wie folgt vorstellen: Es wurden gefälschte Dokumente erzeugt und in die alten Kirchenbücher eingeschmuggelt (zum Teil wurden sogar Grabsteine nachträglich mit Adelstiteln versehen). Daraufhin stellte man eine Anfrage an den nichtsahnenden Pfarrer mit der Bitte um Abschrift und stellte damit bei den (ungarischen) Behörden einen Antrag auf Renobilitierung (und ggf. daraufhin einen Antrag auf Erlaubnis zur Führung des Titels in Österreich). Der Coup gelang, und die Familie nannte sich ab 1894 einige Jahre lang „Kocian de Blasocz“ bzw. „Koczián von Blasócz“ (der Name einer alten ungarischen Familie, die mit den Koczian aus Hohenmauth zumindest nicht sehr eng verwandt ist).

Renobilitierung Karl Koczian (Neue Freie Presse vom 29.11.1894)

Renobilitierung Karl Koczian (Neue Freie Presse vom 29.11.1894)

Herr Müller von Mildenberg bot diese „Dienstleistung“ gemeinsam mit einigen Komplizen (darunter auch hohe Beamte) gewerbsmäßig an und flog auf, was einen veritablen gesellschaftlichen Skandal verursachte und auch zu einer Anfrage im Reichsrat führte. Alle von ihm „vermittelten“ Nobilitierungen wurden widerrufen, „Ritter“ Müller von Mildenberg verlor seinen eigenen (ebenfalls erschlichenen) Titel und wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Anna Koczian starb am 4. März 1907 in Wien, Karl starb wahrscheinlich 1911.

Anhand der Partezettel der Familie und eines Adressbucheintrages aus dem Wiener „Lehmann“ lässt sich der Vorgang chronologisch nachvollziehen:

Parte Valerie Kocian 1883

Parte Valerie Kocian 1883 (man bemerke die handschriftliche Ergänzung unbekannten Ursprungs: „geadelt mit von Blasocz“)

Parte Karl Otto Koczián von Blasócz 1896

Parte Karl Otto Koczián von Blasócz 1896

Adressbuch Karl Koczián v. Blasócz, Wien 1906

Lehmann’s Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger: Karl Koczián v. Blasócz, Wien 1906

Parte Anna Koczian geb. Lederer 1907

Parte Anna Koczian geb. Lederer 1907

(Zuletzt aktualisiert am 19.11.2015)

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