Hugo und der Titel

 

Hugo August Koczian (23.7.1845-13.4.1931) war als leitender Angestellter der Drahanowitzer Zuckerfabrik und als ehrenamtlicher Secretär und Cassier des Mährischen Pferdezuchtevereines ein angesehenes Mitglied der Brünner Gesellschaft. Er heiratete am 22.11.1870 die aus Rossitz (Rosice) stammende Johanna Rosa Poche und hatte mit ihr vier Söhne: Rudolf, Hugo, Gustav und Viktor.

Die Zugehörigkeit zum Adel scheint für Hugo und auch für seine Söhne ein ganz besonders wichtiges Thema gewesen zu sein. Schon den Taufbucheintrag seines Erstgeborenen, Rudolf, ließ Hugo um das Prädikat „von Kronenfeld“ ergänzen:

Geburtenbuch Rudolf Hugo Josef Koczian

„Der Vater des Kindes hat laut beigebrachten Stamm-Baumes des Pfarramtes zu Hohenmauth vom 16. Juni 1827 um Beifügung des Adels-Prädikates „von Kronenfeld“ angesucht.“

In den folgenden Jahrzehnten nannten sich Hugo und seine Söhne immer wieder wahlweise „Koczian“, „von Koczian“, „Koczian von Kronenfeld“ und auch „Koczian Edler von Kronenfeld“, so auch ganz offiziell im Brünner Adressverzeichnis, im Militär-Schematismus der k. k. Armee und bei offiziellen Gelegenheiten, wie der Verleihung des Goldenen Verdienstkreuzes durch den Kaiser im Jahre 1892 …

Brünner Tagesbote, 17.12.1892

Brünner Tagesbote, 17.12.1892

… und bei der Verleihung des Titels „Kaiserlicher Rath“ im März 1908:

Wiener Zeitung vom 15.3.1908

Wiener Zeitung, 15.3.1908

Wahrscheinlich wurde das Innenministerium in Wien zunächst von deutschen Behörden erneut auf die Familie aufmerksam gemacht, denn Hugos Sohn Gustav lebte im Jahr 1909 mit seiner Frau Amelie, geb. Prinzessin von Fürstenberg, in Mannheim bzw. Frankfurt und verwendete dort gerne seinen adeligen Namen. Das Innenministerium stellte daraufhin intensive Recherchen an und forderte alle Beteiligten (insbesondere Hugos Brüder und Söhne) zur Stellungnahme und zur Beibringung von unterstützenden Dokumenten auf. Umfangreiche Akten wurden angelegt, die heute noch im Prager Staatsarchiv aufliegen.

Besonders originell ist in diesem Zusammenhang die offizielle Stellungnahme meines Ururgroßvaters Moritz Koczian vom 23. Mai 1910, der seinem Bruder Hugo offen in den Rücken fällt. Er schrieb, ihm sei von „Urkunden, welche zur Führung des Adels mit dem Prädikate „Kronenfeld“ in unserer Familie berechtigen würden, gar nichts bekannt“ und weiter: „Was meine Person und meine Familie betrifft habe ich von einem solchen unberechtigten Prädikate niemals einen Gebrauch gemacht, und stehe zu dem Ansuchen meines Bruders Hugo August Koczian in Brünn in gar keiner Verbindung, strebe auch eine Adelsanerkennung gar nicht an (…)“. Was seinen Zweig der Familie betrifft hat sich Moritz übrigens getäuscht, denn sein Enkel Rudolf und dessen Frau Herta sahen das offensichtlich Jahrzehnte später noch ganz anders:

Grabstein Rudolf und Herta Koczian (Salzburger Kommunalfriedhof)

Grabstein Rudolf und Herta Koczian (Salzburger Kommunalfriedhof)

Im Frühjahr 1910 stellte das Innenministerium in Wien ein Ultimatum an Hugo: Er erhielt eine sechsmonatige Frist innerhalb der er einen „urkundlichen Nachweis über seine Adelsberechtigung“ zu erbringen hatte, oder, alternativ dazu, eine Erklärung abgeben müsse, „daß er sich in Hinkunft keiner wie immer gearteten Adelsvorzüge mehr bedienen werde“. Hugo konnte die geforderten Dokumente nicht beibringen und richtete mit Hilfe des Anwaltes Dr. Joh. Bapt. Witting am letzten Tag der Frist, dem 29.10.1910, ein umfangreiches Gesuch an den Kaiser, das in der flehentlichen Bitte gipfelte: „Euere Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät wollen Allergnädigst und Huldvollst geruhen, dem alleruntertänigst Gefertigten die Allergnädigste Erlaubnis zur Führung des Adels mit der Maßgabe aus besonderer Allerhöchster Gnade zu erteilen, daß dieser Standesvorzug auch auf die eheliche Nachkommenschaft des alleruntertänigst Gefertigten überzugehen habe.“ Das Gesuch wurde von seiner Schwiegertochter Amelie persönlich im Innenministerium abgegeben, vermutlich, um die Unterstützung der Familie Fürstenberg für Hugos Gesuch zu dokumentieren.

Das Majestätsgesuch lag über eineinhalb Jahre unerledigt im Innenministerium. Im Hintergrund waren die damit befassten Beamten allerdings schon eifrig damit beschäftigt einen ablehnenden Bescheid vorzubereiten. Am 2. Juni 1912 intervenierte Fürst Fürstenberg höchstpersönlich beim Freiherrn Heinold von Udynski, dem k. k. Minister des Innern. Er schrieb: „EUER EXZELLENZ mögen der Angelegenheit Ihr mächtiges und liebenswürdiges Interesse auch weiterhin zuwenden“.

Zettel unbekannten Ursprungs aus dem Akt: "Fürst Fürstenberg hat bei mir wegen Koczian interveniert (...)"

Zettel unbekannten Ursprungs aus dem Akt: „Fürst Fürstenberg hat bei mir wegen Koczian interveniert (…)“

Noch im selben Monat entwarf der zuständige Referent ein Antwortschreiben an den Fürsten:

„Die von dem kaiserl. Rate Hugo Koczian erworbene Verdienstlichkeit wurde bereits durch a.g.Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone sowie des Titels eines kaiserlichen Rates Allerhöchst gewürdigt.
Auf Seite seiner Söhne kann von einer besonderen Verdienstlichkeit wohl nicht die Rede sein. Auch befinden sich die Familienmitglieder zumeist in relativ bescheidenen materiellen Verhältnissen.
Bei dieser Sachlage sehe ich mich zu meinem lebhaftesten Bedauern außer Stande, das Ansuchen des kaiserlichen Rates Hugo Koczian der Allerhöchsten Gnade Seiner k. & k. Apost. Majestät zu empfehlen und vermag auch die Erwirkung eines A.h.Gnadenaktes für Hugo Gustav Koczian allein nicht in Aussicht zu nehmen.“

Doch es kam anders. Auf dem Aktendeckel mit dem Vermerk „sehr dringend“ steht lapidar: „Im Grunde der am 25. Juni 1912 mündlich erhaltenen hohen Weisung hat das Dep:2 den nachstehenden a.u.Vortrag mit dem Antrage auf Gesuchswillfahrung ausgearbeitet.“ Die Intervention des Fürsten hat offensichtlich Wirkung gezeigt und schon am 6. Juli schrieb der Kaiser folgende Randnotiz auf den Akt:

Aus besonderer Gnade gestatte ich dem kaiserlichen Rate Hugo Koczian in Brünn die Prävalierung des einfachen Adels in der Eigenschaft eines österreichischen Adels. Bad Ischl, am 6. Juli 1912

Aus besonderer Gnade gestatte ich dem kaiserlichen Rate Hugo Koczian in Brünn die Prävalierung des einfachen Adels in der Eigenschaft eines österreichischen Adels.
Bad Ischl, am 6. Juli 1912

Hugo war nun am Ziel angelangt, allerdings etwas anders als er sich das gedacht hatte: Der Kaiser genehmigte Hugo und seinen Nachkommen die „Prävalierung des einfachen Adels in der Eigenschaft eines österreichischen Adels“. Es handelte sich dabei um eine „typisch österreichische Lösung“ (für unsere deutschen Freunde: einen faulen Kompromiss): Die Prävalierung bedeutete nichts anderes, als dass Hugo seinen (behaupteten) böhmischen Titel nun in Österreich führen durfte, aber nicht weiter kontrolliert wurde, ob es diesen böhmischen Titel überhaupt jemals gegeben hatte. Ein weiterer Wermutstropfen bestand für ihn außerdem darin, dass ihm die Verwendung des Prädikates „von Kronenfeld“ und des Ehrenwortes „Edler“ gestrichen wurden, auch wenn er daran vermutlich selbst schuld war, denn er hatte nicht darum gebeten, wie der Referent in einer Randnotiz des Aktes leicht süffisant anmerkt:

Adelscorrolarien

Heraus kam ein „Hugo von Koczian“ und sämtliche heutigen Träger dieses Namens, einschließlich seiner Enkelin, der Schauspielerin Johanna von Koczian, gehen auf diese Prävalierung zurück.

Prävalierung

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