Manuskript meines Referats bei der Vortragsveranstaltung “Discover Mongolia” vom 4. November 2011 in der Hauptbücherei Wien.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.

Wir schreiben das Jahr 1803. 600 Jahre nach dem Tod Dschingis Khans ist die Mongolei eine verarmte chinesische Kolonie, ausgebeutet von den Beamten der Manchu-Dynastie. Der Buddhismus, der erst 200 Jahre zuvor in der Mongolei eingeführt worden war, hatte bereits Wurzeln geschlagen. Die großen Klöster, die überall im Land entstanden, waren aber nicht nur Zentren für Kultur, Religion und Bildung. Unter den höheren buddhistischen Würdenträgern verbreiteten sich auch Korruption und Machtmißbrauch.

Die Noyon Hutagts waren eine lokale Reinkarnationslinie der “Gelben” oder “Gelugpa”-Sekte des tibetischen Buddhismus in der Wüste Gobi. Der Junge namens Dulduitin Danzan Ravjaa (Дулдуйтын Данзанравжаа), über den ich heute sprechen will, war der 5. Vertreter dieser Linie, die nach dem Willen der chinesischen Machthaber eigentlich nicht mehr existieren sollte. Denn die früheren Inkarnationen waren bereits unangenehm aufgefallen, der 4. Noyon Hutagt wurde nach einer eskalierten Rauferei gar wegen Mordes hingerichtet. Daraufhin wurde die Suche nach der neuen Reinkarnation verboten.

Der kleine Danzan Ravjaa wuchs in ärmsten Verhältnissen auf. Sein Vater Dulduit war ein Landstreicher und hielt die Familie mit Gelegenheitsjobs gerade noch über Wasser. Seine Mutter starb bald nach seiner Geburt. Der kleine Ravjaa zog mit seinem Vater durch die Gobi und erfuhr am eigenen Leib, was es heißt, zur untersten Schicht der Gesellschaft zu gehören, eine Erfahrung, die für sein späteres Leben prägend sein sollte.

Nach mehreren legendären Begebenheiten wurde rasch klar, daß Ravjaa ein ganz besonderes Kind war. Er erkannte verschiedene Gegenstände und sein Pferd aus seinem früheren Leben, er verblüffte die Menschen mit seinen magischen Fähigkeiten und – bereits als Siebenjähriger – mit seiner Dichtkunst. Der Bub kam zur Ausbildung als “Tulku”, als reinkarnierter Heiliger, in ein großes Kloster. Zur Tarnung gab man ihm zunächst einen anderen Titel als den ihm zustehenden “Noyon Hutagt”. Erst nach Interventionen des Dalai Lama und des Panchen Lama in Peking durfte das Geheimnis gelüftet werden und er konnte seiner eigentlichen Berufung folgen.

In den nun folgenden Jahren entwickelte sich Danzan Ravjaa zu etwas, das man bei uns als Renaissancemenschen bezeichnen würde:

Er schrieb hunderte Gedichte und Lieder, für die er noch heute in der Mongolei berühmt ist. Sein Lied “Ulemjiin Chanar”, (Үлэмжийн чанар),das ich eingangs anspielte, kennt in der Mongolei jedes Kind. Seine Texte sind – oberflächlich betrachtet – meist kunstvoll gestrickte Oden an eine Frau, an ein Pferd oder an die Landschaft der Gobi, haben aber auch – mehr oder minder offensichtliche – spirituelle Dimensionen. Viele seiner Gedichte sind offen politisch oder sozialkritisch und prangern die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft an. Danzan Ravjaa war ein streitbarer Kämpfer für Gerechtigkeit, eine Eigenschaft, die ihn sein Leben kosten sollte.

Sein “Opus Magnum” ist die Oper “Saran Khukhuu”, das Leben des Mondkuckuck. Theaterstücke und Opern waren zu dieser Zeit in der Mongolei fast völlig unbekannt, und diese Oper dauerte in ihrer Langfassung gleich ein Monat. Er errichtete dazu ein eigenes mehrstöckiges Theater mit ausgeklügelter Bühnentechnik, er ließ Kostüme anfertigen, gründete eine dazugehörige Schauspielschule und engagierte Frauen sowohl als Schauspielerinnen als auch für leitende Funktionen in seiner Truppe. Alles unerhörte Dinge zu dieser Zeit und in dieser gottverlassenen Gegend, mitten in der Wüste.

Apropos Frauen: Ein buddhistischer Mönch sollte mit Frauen eigentlich überhaupt nichts zu tun haben. Bei Ravjaa war es gerade umgekehrt. Es sind aber nicht nur seine Liebesbeziehungen, die hier erwähnenswert wären, er war auch und vor allem ein Vorkämpfer für die Rechte der Frauen. Hatte er sich schon mit seinem Theater und seinem Privatleben genug Ärger eingehandelt, so bestand er auch darauf, daß Frauen dieselbe Ausbildung wie Männer erhalten und dieselbe Wertschätzung in der Gesellschaft genießen sollten. So gründete er zum Beispiel für “seine” Nomaden eine eigene Schule, in der Kinder ohne Ansehen des Standes und des Geschlechts koedukativ unterrichtet wurden. Ebenfalls alles unerhört in einer Gesellschaft, in der Bildung ein Privileg für Adelige und Mönche war.

Diese Aufzählungen seiner Heldentaten und Werke ließe sich noch lange fortsetzen: Er war ein bekannter Maler und Zeichner, er gründete das erste Museum und die erste öffentliche Bibliothek der Mongolei, er war ein Vorkämpfer für Hygiene und Körperpflege und hatte sogar eine eigene Badejurte, in die er die Nomaden zur Körperpflege einlud. Er schrieb Bücher über Medizin, war ein bekannter Heiler und Magier und viele Menschen kamen zur Behandlung zu ihm. Auch auf Reisen hatte er immer seine Kräuter dabei und um seine Behandlungserfolge ranken sich viele Legenden.

Nicht zuletzt war er auch das, als das er als Kind erkannt wurde: Ein verwirklichter buddhistischer Meister und Lehrer. Aber sogar in dieser Eigenschaft war er ein Querkopf: Er kümmerte sich nicht um die traditionellen Trennlinien und Querelen der älteren Rotmützen-Schulen mit den reformierten Gelbmützen, sondern er praktizierte und lehrte aus allen Schulen das, was er als nützlich ansah. Auch heute stehen in seinem wiedererrichteten Hauptkloster Khamariin Khiid ein “roter” und ein “gelber” Tempel nebeneinander. Ebenfalls unerhört.

Last, but not least, war er ein bekannter Trinker, eine Eigenschaft, die ihm – ebenso wie seine Beziehung zu Frauen – viele Probleme einbrachte: Danzan Ravjaa starb 1856, im Alter von nur 53 Jahren, an einer vergifteten Flasche Schnaps. Wer ihm das Gift zukommen ließ ist bis heute unklar. Eine populäre Theorie behauptet, daß sich die buddhistische Führungsspitze der Mongolei seiner entledigen wollte, da er auch immer wieder Korruption und Verfehlungen unter den eigenen Leuten erbarmungslos anprangerte. Wahrscheinlich war es aber eher so, daß er einem Komplott von Manchu-Beamten zum Opfer fiel, die es satt hatten, daß er seine Nomaden immer wieder gegen sie aufwiegelte.

Aus Angst vor Zerstörung seines Werkes durch die Manchu verpackten seine Mönche seine Habseligkeiten, Bücher und Schätze in über 1000 Kisten, stapelten diese im sogenannten “Weißen Tempel” auf, setzten die mumifizierte Leiche in die Mitte und erklärten das Gebäude zum Grabmal. Denn nicht einmal chinesische Soldaten würden es wagen, eine Grabstätte zu Schänden. Auf diese Weise war das Vermächtnis Danzan Ravjaas – zumindest vorläufig – geschützt.

Der “Takhilch”, der Hüter seines Nachlasses, war ein gewisser Balchinjoichoo, er hatte ein auffälliges großes Geburtsmal auf dem Rücken. Die Legende sagt, daß in jeder Generation ein Nachkomme Balchinjoichoos dieses Geburtsmal haben wird, und dieser wird der nächste Takhilch sein.

Am Anfang der 1930er Jahre begann die Rote Armee gemeinsam mit den mongolischen Kommunisten die Klöster systematisch zu zerstören und auch das Grabmal Danzan Ravjaas war nun nicht mehr sicher. Der damalige Takhilch und Träger des Geburtsmales war Tuduv, der Ururenkel Balichinjoichoos. Er erkannte die Gefahr und fuhr jede Nacht mit einer Kiste hinaus in die Wüste, um sie zu vergraben. Nach 64 Kisten kamen die Soldaten und zerstörten Khamariin Khiid bis auf die Grundmauern.

Tuduv behielt sein Geheimnis für sich, bis 1960 sein dritter Enkel Altangerel geboren wurde. Auch Altangerel hatte das Geburtsmal und wurde unter völliger Geheimhaltung von Tuduv zum nächsten Takhilch ausgebildet. Er wurde vom Großvater nicht nur in den spirituellen Lehren und Traditionen Danzan Ravjaas unterwiesen, er mußte auch die Position und den Inhalt jeder einzelnen Kiste auswendig lernen.

Nach der Wende und nach dem Tod Tuduvs 1990 gründete Altangerel das Danzan Ravjaa Museum in Sainshand, der Hauptstadt der Provinz Dornogobi, und begann die Kisten zu heben und ihren Inhalt im Museum auszustellen. Im Jahre 2009 durfte ich mit einem österreichisch-mongolischen Team an der Ausgrabung von zwei dieser Kisten teilnehmen und diese live via Satellit ins Internet übertragen. Über 100.000 Menschen sahen uns dabei zu.

Warum taten wir das?

Im Westen hält sich bis heute das Stereotyp des ewig lächelnden buddhistischen Mönchleins, das weltabgewandt an der eigenen Erleuchtung arbeitet und sich sonst um nichts kümmert. Dieses Klischeebild entspricht leider nur allzu oft der Realität.

Wir wollten zeigen, wie Buddhisten auch sein können: Kraftvoll, streitbar, schützend, im besten Sinne politisch. Gegen Ungerechtigkeit und soziale Not, für Bildung und für die Rechte der Frauen, für Kultur und lebendige Spiritualität, gegen Korruption und erstarrte Dogmen.

Anscheinend brauchen wir dazu im Europa des 21. Jahrhunderts das Beispiel eines mongolischen Mönchs, der vor über 200 Jahren geboren wurde. Das ist für mich das Vermächtnis Danzan Ravjaas.

Nachtrag zum eingangs gespielten “Ulemjiin Chanar”: Auch Danzan Ravjaas Musik ist im besten Sinne modern. Sehen und hören sie selbst.

 

Zum Schluß, wenn wir noch Zeit haben, und es Sie noch interessiert, würde ich gerne unser Video von der Schatzsuche 2009 spielen:

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Mehr Informationen:

http://www.danzanravjaa.org/
http://www.gobi-treasure.com/

 

Derzeit läuft auf Respekt.net die Finanzierungsphase für “Mein(e) Abgeordnete(r)”, ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt. Darin geht es um die Schaffung einer neuartigen Plattform (man könnte auch Transparenzdatenbank dazu sagen :-)), die die Frage beantworten soll:

Wofür stehen Österreichs Politikerinnen und Politiker eigentlich? Wofür – und für wen – engagieren sie sich, und vor allem: Warum?

In einer umfangreichen Recherche werden wir zunächst erheben, wie Österreichs Politikerinnen und Politiker ticken und für wen ihr Herz schlägt: In welchen Vorfeldorganisationen und Vereinen sind sie aktiv, an welchen Firmen beteiligt, in welchen Arbeitskreisen vertreten?

Mit diesen Daten im Rücken können dann in der zweiten Stufe des Projekts konkrete Fragen beantwortet werden: Setzt sich ein Politiker z.B. für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit einem bestimmten Land ein? Oder fördert er den Einsatz von Generica? Kann es sein, daß er selbst welche herstellt? Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Fragen dieser Art können hinkünftig via “Mein(e) Abgeordnete(r)” beantwortet werden. Aber zunächst brauchen wir dafür Deine Unterstützung:

Schon ab € 10,- kannst Du Dich auf Respekt.net am Crowd Funding für dieses Projekt beteiligen.

Unter http://www.respekt.net/projekte-unterstuetzen/details/projekt/51/ findest Du alle Infos und die Möglichkeit, in dieses Projekt zu investieren.

Und, ja: Bitte weitersagen/sharen/zwitschern/liken! Danke!

 

Wenn P.J. Crowley, der Sprecher der US State Department, neulich den Wikileaks-Gründer Julian Assange als “anarchist with a political agenda” bezeichnete, dann wusste er vielleicht gar nicht, wie recht er damit hat.

Über Assange wurde in den letzten Wochen viel geschrieben und ich habe nicht vor, die x-te Ferndiagnose zu stellen, ob der Mann ein Ego-Problem hat, ob er ein Vergewaltiger ist und ob das, was er macht, “moralisch gerechtfertigt”, “politisch sinnvoll” oder einer “journalistischen Ethik folgend” ist. Aber einen Teilaspekt finde ich spannend: Assange ist anscheinend Anarchist, und offenbar besonders geprägt vom Anarchopazifismus des Gustav Landauer.

Landauer wurde als anarchistischer Philosoph und Politiker und insbesondere als Leitfigur der Münchner Räterepublik bekannt. Der Anarchismus Landauers war ganz anders, als das, was man heute landläufig darunter versteht, er hatte nichts gemein mit finsteren Verschwörern, die Attentate auf “die Mächtigen” planen. Landauer setzte zwar auf die “Propaganda der Tat”, verstand sie aber gänzlich anders als viele seiner Zeitgenossen:

“Wir meinen, keine Sprache kann laut und entschieden genug sein, um die Mitlebenden zum Aufraffen aus dem alten Schlendrian anzufeuern, anzuspornen zur Neubelebung unserer ganzen gesellschaftlichen Organisation, zur Erhebung aus der Geistesträgheit, zu energischer Tat, um Schranken zu brechen und neuen Boden für neue Saat zu bereiten. Das ist die Propaganda der Tat, wie ich sie verstehe; alles andere ist Leidenschaft oder Verzweiflung oder toller Unverstand. Nicht darum handelt es sich, Menschen zu töten, sondern es handelt sich im Gegenteil um die Wiedergeburt des Menschengeistes, um die Neuerzeugung des Menschenwillens und der produktiven Energie großer Gemeinschaften.”
Aus: “Der Anarchismus in Deutschland” (1893)

So sieht sie also aus, die “Propaganda der Tat” des 21. Jahrhunderts – fast 120 Jahre später. Assange bezog sich jahrelang direkt auf Landauer, indem er seinem ehemaligen Blog iq.org ein besonders programmatisches Zitat aus einem Artikel Landauers voranstellte (hier etwas ausführlicher zitiert, als Assange es tat):

“Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertrümmern, aber die sind eitle Wortmacher und gläubige Wortanbeter, die den Staat für so ein Ding halten, den man zertrümmern kann, um ihn zu zerstören. Der Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält. Der absolute Monarch konnte sagen: “Ich bin der Staat”. Wir, die wir im absoluten Staat uns selbst gefangengesetzt haben, wir müssen die Wahrheit erkennen: Wir sind der Staat – und sind es so lange, als wir nichts andres sind, als wir die Institutionen nicht geschaffen haben, die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen sind.”
Aus: “Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk!” (1910)

In diesem Absatz ist eigentlich schon alles erklärt, was Assange mit Wikileaks tut und vor hat. Wikileaks hat eine radikale Agenda, es will den Staat nicht retten oder verbessern, sondern – mit friedlichen Mitteln – schlicht zerstören. Die Veröffentlichung der “Cablegate”-Dokumente (und auch schon die früheren Veröffentlichungen auf Wikileaks) zielen darauf ab, Mißtrauen zwischen den Staaten zu schüren und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Staaten (insbesondere in die USA als Leitmacht des Westens) zu erschüttern.

Die USA haben das klar erkannt und eine Vendetta gegen Assange und Wikileaks gestartet, die ihresgleichen sucht. Zunächst wich Amazon dem politischen Druck durch den einflußreichen Senator Joe Lieberman, und löschte Wikileaks von den Servern der hauseigenen Amazon Web Services (AWS). Kurz darauf löschte die Domainregistrierungsstelle EveryDNS die Domain wikileaks.org von ihren Nameservern und machte sie dadurch unerreichbar. Gestern folgte dann PayPal und nimmt nun keine Spenden für Wikileaks mehr entgegen. Über den Druck, den die USA derzeit auf Staaten ausüben, die Wikileaks unterstützen (oder zumindest nicht verfolgen), kann man derzeit nur spekulieren – vielleicht wird das bald Inhalt von “Cablegate 2.0″… :-)

Die USA reagieren also ausgesprochen unentspannt, und haben wohl auch allen Grund dazu. Denn die Veröffentlichung des brisanten Materials trifft das Netzwerk der internationalen Diplomatie an ihrer empfindlichsten Stelle: der unbeobachteten und vertraulichen Kommunikation zwischen der Zentrale und ihren Außenstellen in fast allen Ländern der Welt.

Man könnte sich also einfach zurücklehnen und das Match “USA vs. Assange” entspannt allabendlich in den Nachrichten verfolgen. Umso erstaunlicher ist es, daß sich derzeit eine weltweite Welle der Solidarisierung mit Wikileaks formiert. Die Betreiber hunderter Webserver in aller Welt haben sich spontan bereit erklärt, die Cablegate-Dokumente zu spiegeln und über die Facebook-Seiten von PayPal und Amazon ist ein “Shitstorm” tausender empörter User losgebrochen, die ihrem Unmut durch Entzug ihres “Likes” oder gleich durch Löschung ihres jeweiligen Kontos Ausdruck verleihen.

Die Dramaturgie der auf Monate hin angelegten kontinuierlichen Veröffentlichung brisanter Dokumente aus den Cablegate-Akten wird jedenfalls dafür sorgen, daß die Spannung erhalten bleibt und der Unmut der Bürgerinnen und Bürger ebenso kontinuierlich weiter wächst. Ob aus diesem Unmut die Verwirklichung einer anarchistischen Utopie erwächst bleibt dahingestellt. Eher wahrscheinlich ist wohl, daß letztendlich wieder nur rechtspopulistische und autoritäre Strömungen davon profitieren werden. Eine “wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen” ist mit oder ohne Wikileaks nicht in Sicht.

 

Neulich flatterte etlichen österreichischen Internet-Providern ein Anwaltsschreiben ins Haus. Nach einer umfänglichen Darstellung, wen dieser Anwalt aller vertritt (es handelt sich um diverse Größen der österreichischen Filmindustrie) und wo die Werke seiner Mandaten zum Download zur Verfügung stehen (nämlich auf in Rußland gehosteten Streaming-Servern), kommt er schließlich zur unmißverständlichen Forderung: Die Provider mögen den Zugang zu den Servern, auf denen die Filme zum Streaming angeboten werden, sperren, ansonsten drohe eine gerichtliche Durchsetzung des Unterlassungsanspruchs gegen die Provider. Nachsatz: “Wir wissen, dass solche Blockaden auch regelmässig (für andere Zwecke) praktiziert werden.”

Im Schatten der unseligen Kinderpornosperr-Diskussion, die nachweislich von der Contentindustrie mit angeheizt wurde, waren solche Unterlassungsaufforderungen früher oder später zu erwarten. Der Anwalt macht sich – entgegen früherer derartiger Begehren – auch gar nicht mehr die Mühe, mit tatsächlich vorgefallenen Urheberrechtsverletzungen zu argumentieren (was auch nichts ändern würde), es geht vielmehr ausschließlich darum, daß die Kunden der betroffenen Provider ihren Internetanschluß dazu nützen könnten, sich auf diesen Servern irgendwelche Filme oder Fernsehserien anzusehen.

Die ISPA, der Verband der österreichischen Internet-Provider, hat darauf prompt und, wie ich meine, korrekt reagiert: „Wir machen uns sicher nicht zu Erfüllungsgehilfen für Wegelagerer-Praktiken, mit denen abermals versucht werden soll, längst überholte Geschäftsmodelle zu retten“ schreibt die ISPA in einer Presseaussendung mit dem Titel “Copyright-Inhaber agieren wie Wegelagerer” und zitiert ihren Generalsekretär Andreas Wildberger mit folgenden Worten: „Es ist ja wohl einmalig, dass sich die Rechteinhaber nicht mal mehr die Mühe machen, mit konkreten Downloads zu argumentieren sondern einfach damit, dass etwas der Fall sein könnte“, kommentiert Wildberger das fragliche Begehren, „Es könnte auch jemand, der auf der Autobahn fährt, in seinem Kofferraum schwarz kopierte Videos transportieren. Die ASFINAG macht den Transport erst möglich. Erhält die ASFINAG deswegen auch eine Unterlassensaufforderung?“.

Ich bin nur froh, daß die Diskussion über die Sperre von Kinderporno-Seiten bisher zu keinem Ergebnis geführt hat und hoffe, daß das auch weiterhin so bleibt. Vielleicht erkennen die zuständigen Politikerinnen und Politiker jetzt, daß es in der Debatte nicht um das Wohl mißbrauchter Kinder, sondern um die Interessen einer ganz anderen Industrie geht, die seit vielen Jahren versucht, ihre überholten Geschäftsmodelle zu retten, indem sie ihre Kunden verklagt und ihre kärglichen Gewinne lieber Horden von Anwälten und Lobbyisten in den Rachen wirft – anstatt sich neue Vertriebswege und Einnahmequellen einfallen zu lassen.

Okt 112010
 

Wien, am Tag nach dem Verlust der Absoluten Mehrheit der SPÖ.

HC Strache meinte gestern im Nachwahl-Interview im ORF sinngemäß, daß eine rot/schwarze oder eine rot/grüne Koalition nicht dem Wählerwillen entspräche. Der Wähler wünsche eine Regierungsbeteiligung der FPÖ.

Woher nimmt er diese Weisheit? Ich weiß es nicht und ich bezweifle, daß er es weiß. Der “Wählerwille” ist eine häufig nach Wahlen verwendete, fast mythologische Größe, die man sich je nach Standpunkt zurechtbiegen kann. Tatsache ist: Der Wähler wollte genau das, was er gewählt hat. Der SPÖ-Wähler wollte die SPÖ, der ÖVP-Wähler (auch wenn sich die Döblinger Regimenter im Rückzug befinden) wollte die ÖVP, usw. Den Wähler gibt’s nicht, und selbiges gilt natürlich auch für die Wählerin. In unserem Wahlsystem kann man in der Kabine nur eine Partei wählen (und mit Einschränkungen auch eine Person), aber jedenfalls keine Koalition. Diese Entscheidung wird “vom Wähler” an die gewählten Mandatarinnen und Mandatare delegiert, und das ist auch gut so.

Trotzdem ist es natürlich sinnvoll sich anzusehen, wer da wen gewählt hat:

Die SPÖ hat sich innerhalb des Gürtels erstaunlich gut geschlagen. Beim jüngeren, urbanen und gebildeten Publikum sind ihre Botschaften offensichtlich weitaus besser angekommen, als bei den Pensionisten und bei den ehemaligen Kernwählerschichten in den Arbeiterbezirken. Auch gab es deutliche Wählerströme von den Grünen zur Sozialdemokratie, wohl mitverursacht von den innergrünen Streitereien im Vorfeld. Wienweit sind laut SORA immerhin 24.000 Stimmen von den Grünen zur SPÖ gewandert, das war schon mal ganz anders.

Das Bild in den bei weitem bevölkerungsreicheren Außenbezirken von Meidling bis Floridsdorf ist dem innerstädtischen Bobo-Idyll genau entgegengesetzt. Hier ist zwar die SPÖ auch noch immer deutlich stärkste Kraft, aber die Verluste in Richtung FPÖ sind gewaltig. Die Grünen und Schwarzen spielen dort genau keine Rolle, das Match spielt sich ausschließlich zwischen SPÖ und FPÖ ab, und die Abstände werden geringer (z.B. 48:37 in Simmering).

Daraus jetzt ableiten zu wollen (wie Strache es getan hat), daß der Wählerwille eine rot/blaue Koalition wünsche ist gewagt. Häupl hat seit Jahren immer wieder betont, er werde die FPÖ unter keinen Umständen in eine Koalition einbinden. Man darf also annehmen, daß dem Wahlvolk dies bekannt war und die Menschen ganz bewusst SPÖ oder FPÖ gewählt haben.

Bleiben also zwei andere Koalitionsvarianten, die in Frage kämen: rot/schwarz oder rot/grün. Mit beiden ist in Simmering oder Favoriten kein Staat zu machen. Die SPÖ wird also ihre verlorenen Kernwählerschäfchen so oder so aus eigener Kraft wieder zurückholen müssen. Und dafür ist, mit Verlaub, belanglos, ob das Wirtschaftsressort schwarz oder das Umweltressort grün ist.

Bleibt die Frage: Was ist vernünftiger?

Eine Koalition mit der ÖVP beinhaltet das unterschwellige Versprechen, daß es mit den Schwarzen weniger “Bröseln” geben könnte als mit den Grünen. Die Wiener ÖVP ist zwar zahlenmäßig schwach aber immerhin organisatorisch gefestigt, und sie bringt als Bonus die Mehrheit in wichtigen Sozialpartner-Organisationen wie etwa der Wirtschaftskammer mit in die Ehe ein. Dazu kommt eine gleichfärbige Konstellation im Bund, was die Abstimmung der wesentlichen Politikfelder erleichtern dürfte. Auf der anderen Seite drohen fünf Jahre Stillstand und Langeweile, denn die Erfahrung lehrt uns, daß die ÖVP in sozialen Fragen und Bildungsthemen fast immer auf der Reformbremse steht und dafür in der sogenannten “Ausländerfrage” gerne den Scharfmacher spielt (was ihr aber auch nichts genützt hat, q.e.d). Im günstigsten Fall ändert sich also mit der ÖVP nicht viel, im schlechtesten Fall kann sie es schaffen, wichtige Reformen zu verhindern und weiterhin das Spiel der rechten Hetzer zu spielen.

Eine Koalition mit den Grünen ist sicher die spannendere Aufgabe. Im Bildungs-, Sozial-, oder Umweltbereich können die Grünen wichtige Impulse einbringen. Dafür müsste die SPÖ etwas mehr Geduld mit den innergrünen Entscheidungsprozessen aufbringen und auch in Kauf nehmen, daß die fast sprichwörtliche Grüne Basis hin und wieder mal querschießt. Was aber letztlich viel stärker wiegt ist wieder das leidige Integrations- und “Ausländer”-Thema und das ist für die SPÖ eine überlebenswichtige Frage. Auch wenn die Grünen moralisch oft recht haben, auch wenn die SPÖ in den letzten Jahren zu stark in der Defensive war und sich von der FPÖ und der ÖVP immer wieder vorführen ließ: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß das Thema beim “einfachen Volk” überaus emotionalisiert ist und die Grünen (genausowenig wie die anderen Parteien) auch kein schlüssiges Konzept haben, diese Emotionalisierung in den Griff zu bekommen. Die Sündenböcke “Moslem” und “Asylant” sind schon geschaffen und es gibt viel zu viele Menschen, die daran glauben (und das sind nicht nur die, die tatsächlich die FPÖ gewählt haben).

Für die SPÖ wird in den Koalitionsverhandlungen entscheidend sein, ob die Grünen bereit sind, an einer Lösung dieses gordischen Knotens mitzuarbeiten. Einer Lösung, die die Ängste und Probleme der Menschen ernst nimmt, über moralisch erhobene Zeigefinger und multikulti-Platitüden weit hinausgeht und die Leute nicht noch mehr ins Lager der rechten Hetzer treibt. Für das Überleben der SPÖ als Massenpartei ist es jetzt unbedingt nötig, rasch zu glaubwürdigen und innovativen Konzepten zu kommen, denn sie muß in Favoriten und Simmering verlorenes Terrain zurückgewinnen. Die Grünen haben dieses Problem nicht und könnten es sich leisten, weiterhin am Rand zu stehen und moralisch im Recht zu sein. Aber dann wäre es für die SPÖ fahrlässig, eine solche Koalition einzugehen.

 

Die neue Fundraising-Plattform Respekt.net (ich berichtete hier darüber) wurde für den “Fundraising Award 2010″ des “Österreichischen Fundraising Kongresses” nominiert. Der Award wird via Online-Voting vergeben, man kann ohne Registrierung abstimmen. Die Abstimmung läuft noch bis einschließlich 5. Oktober. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Award an Respekt.net gehen würde!

Hier geht’s zum Voting

 

“Verstörende Bilder” ist ein inflationär gebrauchter Ausdruck, mit dem üblicherweise Nachrichtensprecher oder Doku-Regisseure ihrem Publikum mitteilen, daß sie jetzt gefälligst wirklich betroffen sein (oder zumindest die Kinder ins Bett schicken) sollten. Ganz anders die Photomontagen von Sergey Larenkov. Sie verstören – mich zumindest – wirklich. Die Bilder besitzen eine brutale und unmittelbare Kraft, die die nicht ganz so ferne Vergangenheit mit unserer Gegenwart in Bezug setzt und ihr erschreckende Aktualität verleiht. Vielleicht sollte in jedem Klassenzimmer eines von Larenkovs Fotos hängen.

Sergey Larenkovs Blog

Artikel über Sergey Larenkov auf mymodernmet.com

Jul 152010
 

Am 29. Juni eröffnete – nach einem Jahr Vorbereitungszeit –  “Respekt.net – Investieren in die Zivilgesellschaft”. Es handelt sich dabei um eine private Initiative, die schlicht und einfach zwei Arten von Leuten zusammenbringen will: Jene, die Ideen haben, wie man die Welt ein bisschen besser machen kann (und auch die Zeit, diese Ideen in die Tat umzusetzen); und jene, die etwas in eine Idee investieren wollen, weil sie ein Projekt gut und nützlich finden.

In der Testphase wurden schon etliche hochkarätige und interessante Projekte eingereicht, und sie umspannen bereits ein weites Themenfeld: von Antirassismusarbeit über pädagogische Projekte, von neuen Ansätzen zur Vermittlung des Holocaust bis zu künstlerischen Interventionen.

Ich bin froh, daß es nun auch in Österreich eine Plattform gibt, die sich um die ökonomische Basis der hiesigen Zivilgesellschaft kümmert – und man nicht mehr darauf warten muß, bis es für engagierte Menschen ein paar Almosen aus staatlichen Fördertöpfen regnet. Und endlich haben auch diejenigen, die zwar über ein gutes Einkommen aber über zu wenig Zeit verfügen keine Ausrede mehr, sich nicht für gesellschaftlich nützliche Projekte zu engagieren. Einfacher und niederschwelliger geht es kaum, und ab € 10,- ist man dabei.

Disclaimer: Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, mich bei der Konzeption von Respekt.net und des Trägervereins einbringen zu dürfen. Außerdem habe ich ein Projekt mitgeplant, das mir sehr am Herzen liegt: In “Mein(e) Abgeordnet(e)” geht es um Schaffung von mehr Transparenz in der Politik und um die Beantwortung der Frage, welche(r) Abgeordnete sich zu bestimmten Themen wie verhält – und warum eigentlich. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Projekt die nötige Unterstützung finden würde! Abgesehen von diesem Projekt bin ich aber zur Zeit in Respekt.net nicht involviert und weder Mitglied des Trägervereins noch sonstwie direkt oder indirekt beteiligt.

 

Ein grantiges Pamphlet zum “Vertragslosen Zustand”, in dem sich alle SVA-Versicherten Anfang Juni 2010 befanden. Es erschien am 4. Juni 2010 in meinen facebook-Notes und auf der blackbox. Continue reading »

 

Dieses Argumentarium erschien erstmals im Mai 2009 in meinen facebook-Notes sowie als Gastbeitrag im Blog “Wissen Belastet” von Max Kossatz und wurde danach von vielen anderen Sites übernommen. Continue reading »

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